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Wolfslichter

Prolog

Viele Sagen ranken sich um den Wolf. In British Columbia, dem westlichsten Bundesstaat Kanadas ist dies nicht anders. Der British Columbian Wolf, eine der größten lebenden Wolfsarten, ist dort heimisch.
Noch gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde er gnadenlos gejagt. Die Gründe hierfür waren auf der ganzen Welt immer gleich. Sie entzogen den dort lebenden Menschen die Nahrungsgrundlage, indem sie beispielsweise Elche töteten, waren also direkte Fresskonkurrenten des Menschen. Aus ihrem Fell wurden Mützen, Pelzkrägen, Bettvorleger und ähnliches genäht. Auch heute gibt es noch Jäger, die den Wolf - mittlerweile vom Flugzeug aus - jagen.
Goldfunde in den 1860er Jahren lockten Glücksritter in Massen in die kanadischen Berge British Columbias, was den Bestand an Wölfen so stark dezimierte, das er in der Region um Prince George bald als ausgestorben galt.
Die folgende Geschichte entführt sie in die Wälder British Columbias des vorigen Jahrhunderts, genauer in die Zeit kurz vor Ausbruch des 1. Weltkrieges. Noch bevor 1914 Prince George einen Eisenbahnanschluss erhielt und als Handelsposten große Bedeutung zukam.
Der Sage nach gibt es um den Lake St. Vincent einen Wolf, der Tiere und Menschen tötet und die Opfer ebenfalls zu Wölfen werden. Auf diese Weise – so wird erzählt – widersetzt er sich dem Aussterben seiner Rasse.
Was nun folgt, ist eine Geschichte, die sich vortrefflich nächtens an Lagerfeuern erzählen lässt und so für eine unruhige Nacht im Zelt sorgen kann.
Ich wünsche ihnen einen tiefen, traumlosen Schlaf.

1. Der tote Wolf

Sam hatte sichtlich schlechte Laune. Das war immer so, wenn er mit Küchendienst an der Reihe war. Unüberhörbar ließ er das Blechgeschirr klappern. William und Frank versorgten die Pferde, welche sie geschützt unter einer knorrigen Eiche angebunden hatten und grienten sich an.
„Mal sehen, ob sein Fraß diesmal essbarer ist“. Frank sprach so leise, dass Sam davon nichts mitbekam.
William, ein grobschlächtiger Kerl mit einem vernarbten Gesicht, dass die Pocken ihm in jungen Jahren zum Geschenk gemacht hatten, verzog den Mund zu einem Grinsen. „Solange er uns nicht vergiftet. Morgen bin ich ja wieder dran“.
Frank nickte und stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. „Dein Kaffee ist wenigstens genießbar“, dabei warf er Sattel und Zaumzeug seines Pferdes neben den Baumstamm und begann, mit einer Decke die Flanken des Gaules trocken zu reiben.
Sein Kumpel machte es ihm nach. Es gab nichts Wichtigeres, als nach einem anstrengenden Ritt die Pferde zu versorgen. Hier in der Wildnis wären sie ohne die Vierbeiner aufgeschmissen. Die nächste Siedlung lag bestimmt 3 Tagesritte entfernt.
Der Koch für den heutigen Tag hatte ein Feuer entzündet. Beißender Rauch stieg fast senkrecht in die Kronen der Kiefern, die so dicht standen, dass man keine 100 Fuß weit sehen konnte. Das Holz war einfach zu nass. Den ganzen Tag hatte es geschüttet, und beim Überqueren des Passes hatten sie weiter südlich ein Gewitter wüten gesehen.
Die Stelle in der Nähe einer Schlucht sollte für die drei bereits zum wiederholten Male als Nachtlager dienen. Sie lag windgeschützt an einem Hang. Der nahe Lake St. Vincent war der Garant für reiche Wildvorkommen.
Am Dreibein baumelte der verbeulte Kessel, außen schwarz vom Ruß. „Ich hole Wasser unten am Creek“, rief Sam den beiden anderen zu und machte sich, ohne eine Antwort abzuwarten auf den Weg hinab in die Schlucht. Er war der jüngste des Trios, dass mit der Hoffnung auf reiche Beute seit vier Wochen die Wälder um den Lake St. Vincent unsicher machte. Und bisher hatten die drei keinen Grund zu meckern. Eine Menge Felle stapelten sich neben der Eiche. Hasen, Füchse, Wiesel, Rotwild und zwei Schwarzbären waren vor ihre Gewehre gelaufen. Zurück in Prince George würden sie ein hübsches Sümmchen dafür kassieren.
Frank band einen Strick um die Felle, schwang ein Ende um einen dicken Ast der Eiche und zog das Bündel in die Höhe. Diese Maßnahme bot einen gewissen Schutz vor Ungeziefer und verhinderte, dass die Feuchtigkeit des Waldbodens den wertvollen Trophäen schadete. „So, das war’s für heute. Ich spüre alle Knochen“, jammerte er und drückte stöhnend seinen Rücken durch.
William nickte bedächtig. „Ich bau noch die Zelte auf. Hoffe, bis dahin gibt es was zu beißen. Wo bleibt der Kerl eigentlich mit dem Wasser?“ „Was weiß ich“, meinte Frank, ließ sich bei diesen Worten am Fuß eines Baumes nieder und nestelte einen Tabakbeutel aus der Jacke. „Ich bin schon froh, dass der Regen aufgehört hat. Ist viel zu nass für September“. Tief sog er den Rauch seiner Zigarette in die Lunge. „Wird wohl früh Winter geben“.
Nachdem William auch seine Arbeit erledigt hatte, setzte er sich zu seinem Jagdgenossen und trank einen guten Schluck aus der Whiskey-Flasche. Dann reichte er sie an Frank weiter, der es ihm gleich tat. „Wenn Sam noch lange weg bleibt, kann er sein Feuer vergessen“, spöttelte William. Sein Gesicht sagte jedoch etwas anderes. Wer ihn kannte wusste, dass er sich Sorgen machte. So fürchterlich er auch aussehen mochte, sein Kern war weich und gutmütig.
Die Zeit verging und von Sam keine Spur. Das Gewitter in der Ferne hatte noch nicht aufgegeben und malte von Zeit zu Zeit den wolkenverhangenen Himmel in allen möglichen Rottönen an. Plötzlich hallte ein Schuss durch den Wald. Das peitschenartige Geräusch musste aus Norden gekommen sein. Schlagartig riss es die beiden hoch. Wortlos griffen sie nach ihren Gewehren und rannten in Richtung der Schlucht, die der Silver Ditch gegraben hatte. Das Keuchen der Männer und das Knacken von Ästen, welches ihre Stiefel erzeugten, waren die einzigen Geräusche. Es blieb bei dem einen Schuss. Sie hatten den Rand der Schlucht erreicht, als sie gerade noch einen Wolf im Unterholz verschwinden sahen. Suchend blickten sie sich um. An’s Wasser kam man etwas weiter Bach aufwärts. Ein Erdrutsch hatte die ansonsten steilen Wände des Canyon an dieser Stelle abgeflacht. Den Weg musste auch Sam genommen haben.
„Sam!“ Frank’s Stimme hallte durch die Einsamkeit des kanadischen Urwalds. Keine Antwort. „Sam, bist du ok?“ Nichts. Aber er hatte geschossen, soviel war sicher. Frank und William machten sich an den Abstieg. Von ihrem Kumpel war von oben nichts zu sehen. Ihre Remington Jagdgewehre auf dem Rücken hangelten sie sich an umgestürzten Bäumen und an Wurzeln, die aus der Erde ragten ab. Gelegentlich hielten sie inne und horchten. Doch nur das Rauschen des Baches war zu hören, welches sich verstärkte, je tiefer sie hinabstiegen.
William erreichte als Erster das Bachbett. Mit einer schnellen Bewegung nahm er sein Gewehr von der Schulter und ging in eine geduckte Haltung. Frank machte es ihm nach und sicherte in die andere Richtung. Keine Spur von Sam.
„Vielleicht ist er an einer anderen Stelle runter?“ Frank flüsterte, als ob er Angst hätte, jemand könnte ihn hören. „Mmm, glaub’ ich nicht. So wie ich das sehe, gibt es nur diese Abstiegsmöglichkeit. Am besten, wir trennen uns. Du suchst flussaufwärts“. Frank nickte nur. Sie schlichen los, doch lange mussten sie nicht suchen. „William! Um Gottes Willen William, schnell!“ Frank Stimme überschlug sich. „Verdammte Scheiße!“
In kürzester Zeit hatte William die Stelle erreicht, an der Frank hockte. Wie paralysiert blieb er stehen. Vor ihnen sahen sie etwas, das einmal ihr Kumpel gewesen war. Sein Kopf wurde vom schnell fließenden Wasser umspült, der Rest seines Körpers befand sich auf dem trockenen Ufer. Er lag auf dem Bauch, seine Rechte hielt das Gewehr umklammert. Blut suchte sich in dünnen Bahnen einen Weg zum Wasser und färbte die zerrissene Jacke dunkel.
Zögernd griff Frank an eine Schulter und drehte Sam’s Körper auf den Rücken. William, der bisher gestanden hatte, sank in sich zusammen und stammelte: „Gütiger Himmel. Diese Bestie. Mein Freund warst du zwar nicht, aber das hat niemand verdient“. Sam’s Fratze starrte sie aus leeren Augenhöhlen an. Mehrere Bisse an der Kehle und im Gesicht hatten den Kopf in eine rote Fleischmasse verwandelt. Frank wandte sich angewidert ab.
Lange saßen sie schweigend in etwas größerem Abstand zum Körper ihres toten Jagdgefährten und starrten gelegentlich zum oberen Rand der Schlucht. Jeder hing seinen Gedanken nach. Sie hatten sich in Prince George in einer Bar gefunden. Das war sieben Jahre her, am Tag der großen Feier zum Jahrhundertwechsel 1900. Ihre Leidenschaft für die Jagd und die Aussicht auf gute Geschäfte hatte sie immer wieder in die Wildnis gezogen. Der Jagderfolg gab ihnen recht. Man konnte davon leben.
Frank durchbrach das Schweigen. „Ich erwische das Vieh, und wenn es das Letzte ist, was ich tue. So wahr ich Frank Horrace heiße“. Dabei ballte er die Linke zur Faust. William ließ sich Zeit mit einer Antwort. Schließlich meinte er: „Den kriegst du nie. Der ist längst über alle Berge“.
„Nein“, erwiderte Frank, „ich weiß auch, wie ich es anstellen werde“. Dabei stand er ruckartig auf und blickte zu den Bäumen hoch, die vielleicht dreihundert Fuß über ihnen auf der anderen Seite der Schlucht standen. „Wir lassen ihn liegen. Als Köder. Der kommt zurück. Da oben ist die ideale Stelle für unser Versteck“.
„Unser Versteck? Ich halte das für keine gute Idee. Begraben wir ihn und machen, dass wir zurück in die Stadt kommen“. „Kommt nicht in Frage. Du kannst ja abhauen, wenn du willst. Ich bleibe jedenfalls hier“. Frank’s Worte wirkten trotzig, wie die eines kleinen Kindes. William drehte sich mit einem Schulterzucken um und begann den Aufstieg aus der Schlucht. Er wusste, wenn Frank sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, konnte ihn niemand mehr umstimmen. Also hielt er es für das Beste, ihn nicht alleine zu lassen.
Die Abendmahlzeit fiel mangels Appetit aus. William brühte stattdessen einen starken Kaffee. Sie hatten vereinbart, sich mit der Wache abzuwechseln, und Frank war der erste, der den Beobachtungsposten am Rand der Schlucht einnehmen wollte. William blieb derweil bei den Pferden. Der Himmel war wolkenlos. So würde der Mond die Szenerie auf dem Grund der Schlucht gut genug ausleuchten. Gut genug für einen Blattschuss.
„Ich muss los. Ich wecke dich, wenn du an der Reihe bist. Aber so wie ich das Mistvieh einschätze, ist es bald zurück. Und dann … peng“. Frank zielte mit einem imaginären Gewehr auf seinen Freund. Der nickte nur. Bald darauf war Frank zwischen den Bäumen verschwunden und William richtete sich für die Nacht ein. Er kroch in sein kleines Zelt und war rasch eingeschlafen.
Die Sicht war ausgezeichnet, der Posten gut gewählt. Der Mond schien in die baumlose Schlucht, und Frank konnte den leblosen Körper am Wasser liegen sehen. „Komm nur, mein Freund. Komm nur her und hol dir deine Beute. Dann gehörst du mir“. Frank murmelte leise, sein Gewehr, eine Remington Modell 6 schussbereit im Anschlag. „Ich weiß, dass du Hunger hast. Du hast Blut geschmeckt, nicht wahr?“ Seine Augen suchten die Schlucht und die gegenüberliegenden Bäume ab. In diese Richtung war der Wolf verschwunden. Von dort – so vermutete Frank – würde er auch wieder kommen.
Seine Geduld wurde jedoch auf eine harte Probe gestellt. Nichts geschah, und er zögerte die Wachablösung so lange hinaus, bis er vor Müdigkeit seine Augen nicht mehr aufhalten konnte. Enttäuscht machte er sich auf den Weg zurück zum Lager. „Dann eben Morgen, oder Übermorgen. Ich erwische dich. Ich kann warten“. Nach fünf Minuten durch dichtes Unterholz erreichte er die Feuerstelle. Irgend etwas stimmte nicht. Keine Pferde. Wo waren die Pferde?
„Will?!“ Aus dem offenen Zelt ragten die Stiefel seines Freundes heraus. Vor dem Eingang ging er in die Hocke. „Hey William. Du bist dran. Wo sind die Gäule, verdammt?“ William schien tief und fest zu schlafen. Also verstärkte Frank seine Weckbemühungen und rüttelte an einem Fuß. Ohne Erfolg. „Hast du unsere Whiskey-Vorräte geplündert?“ Mit diesen Worten kroch er neben seinen Kumpel. Dabei tappten seine Hände in etwas Klebriges, Feuchtes. Blut! „Was, zum Henker…?“ Der Rest blieb ihm im Hals stecken. Im Zelt war es nicht ganz so hell wie draußen, aber die Umrisse hoben sich deutlich vom Waldboden ab. William’s Gesicht war schrecklich entstellt. Genau wie bei Sam fehlten die Augen, und Konturen waren nicht mehr zu erkennen.
Wie von einer Schlange gebissen zuckte Frank zurück und war augenblicklich aus dem Zelt raus. Nur mit Mühe konnte er ein Würgen im Hals unterdrücken. „Mein Gott, Will.William, mein Junge. Was für eine Bestie. Du bist kein Wolf, du ist ein Monster“. Plötzliche Angst schnürte ihm die Kehle zu. Sein Herz pochte so heftig, dass er meinte, man könne es weithin hören. Suchend schaute er sich um. Der Gewehrlauf folgte den Bewegungen seines Kopfes. Es war nichts zu sehen. Kein Wolf, keine Pferde. Auch die Geräusche des Waldes waren verstummt.
„Die Eiche!“ Frank schnappte sich eine Decke und kletterte mit Mühe auf den Baum, an dem er die Felle hochgezogen hatte. Dort oben war er sicher. Um nichts in der Welt würde er sich auf den Boden legen zum schlafen. Eine Astgabel musste als provisorische Schlafstatt genügen. Zur Sicherheit band er sich selbst mit einem Strick am Baum fest. So konnte er im Schlaf nicht abstürzen. Noch bevor er wegdämmerte, zerriss das Heulen eines Wolfes die Stille der Nacht.
Frank wachte früh auf. Es war vielleicht gegen sieben. Das Seil schnitt ihm in den Bauch, weil er im Schlaf etwas abgerutscht war. Unbeholfen befreite er sich aus der selbstgemachten Fessel und kletterte am Baumstamm hinab. Mit dem Gewehr im Anschlag suchte er die nähere Umgebung des Lagerplatzes ab und vermied, dabei einen Blick auf William’s Zelt zu werfen. Die Pferde schienen sich in Panik losgerissen zu haben. Teile des Halfters lagen neben dem Baum, an welchem sie angebunden gewesen waren. Nach Spuren brauchte er nicht zu suchen. Das war bei der Bodenbeschaffenheit sinnlos.
Frank zwang sich zu nüchternem Denken. „Ich muss die Beiden unter die Erde bringen. Wie komme ich ohne Gäule nur von hier weg? Die Felle kann ich vergessen“. Die Gedanken jagten sich. Er ermahnte sich zur Ruhe und doch stieg immer wieder die Panik in ihm hoch. Die Bestie hatte sich das zweite Opfer geholt. Zu einem Zeitpunkt, der besser nicht hätte gewählt sein können. Es war unheimlich, mit welcher Cleverness dieser Wolf vorgegangen war. Das war es auch, was Frank die meiste Angst einflöste.
Mit dem Spaten grub er ein Loch unweit der Feuerstelle, an welcher die Kanne mit dem Kaffee noch am Dreibein baumelte. Sein Gewehr hatte er daran angelehnt. Schussbereit. Die Graberei stellte sich als mühsam heraus, obwohl der Waldboden weich war. Immer wieder kämpfte er mit dem Entfernen von Wurzelwerk. Erst gegen Mittag war diese Arbeit getan. Ein guter Schluck Wasser und Dörrfleisch mussten jetzt als Mahlzeit genügen.
Danach zerrte er William’s Körper aus dem Zelt, den Rücken zugewandt. Er konnte seinem Freund nicht ins Gesicht sehen, oder das, was von ihm übrig geblieben war. Frank war kein gläubiger Mann. So beschränkte er sich, nachdem er das gebuddelte Loch wieder zugeschüttet hatte, auf ein schlichtes Kreuzzeichen. „Mach’s gut Kumpel. Da, wo du jetzt bist“. Zu mehr war er nicht imstande.
Er schnappte sein Gewehr und machte sich auf den Weg zur Schlucht. Hier würde es leichter sein. Er musste Sam’s Überreste nur aus dem Wasser ziehen und mit Steinen bedecken. Bald hatte er die Schlucht an der Stelle erreicht, von wo man einen guten Blick nach unten hatte. Und da stand er. Ein silbergrauer, hagerer Wolf machte sich an Sam zu schaffen. Frank zuckte zusammen und ging in die Hocke. Sofort hatte er das Gewehr im Anschlag.
Das Tier schien ihn nicht bemerkt zu haben. Erst, als Frank den Hahn des Abzuges spannte, blickte der Wolf hoch. Franks Hände zitterten. Nur jetzt nicht daneben schießen. Der Graue fletschte die Zähne, was Frank wie ein höhnisches Grinsen erschien. Und dann hallte der Schuss durch die Schlucht. Der Wolf sackte zusammen und begrub Sam’s toten Körper unter sich. Ganz langsam, wie aus einer Starre erwachend, ließ Frank den Lauf der Waffe sinken. Unten war keine Bewegung mehr erkennbar.
„Hab’ ich dich endlich, du Bestie“. Nach diesen Worten erhob er sich und kletterte an der Stelle in die Schlucht, die er am Vortag mit William gewählt hatte. Mit nachgeladener Waffe näherte er sich dem Platz, an der Sam und der Wolf lagen. Eine letzte Biegung des Canyon versperrte ihm noch die Sicht. Voller Anspannung umrundete er einen Felsvorsprung und erstarrte. Das Tier war verschwunden, hatte sich in Luft aufgelöst. Wieder übermannte ihn die Angst, schlimmer noch als am Abend zuvor.
„Das kann nicht sein. Das ist unmöglich. Ich habe dich getroffen, das weiß ich genau. Du hast keinen Muckser mehr gemacht. Was bist du, zum Teufel?“ Langsam, Yard für Yard ging er dabei weiter, mit dem Rücken zur Felswand. „Du bist doch kein Gespenst, das sich in Luft auflösen kann?“.
In diesem Moment heulte ein Wolf.

2. Verfolgt

Frank bewegte sich am südlichen oberen Rand der Schlucht nach Osten und folgte dem Wasser. Er war erst zirka zwei Stunden unterwegs und schon jetzt machte sich das Fehlen der Pferde bemerkbar. Sie waren nicht wiederzufinden gewesen. So hatte er nur das Nötigste geschultert, doch selbst die wenigen Habseligkeiten schienen ihm schon zuviel. Das Bündel, welches er geschnürt hatte, scheuerte auf seinem Rücken. Auf seiner Schulter trug er überdies eine Satteltasche mit ein paar Vorräten, Dörrfleisch, Bohnen und Tabak. Das Gewehr in seiner Rechten quälte er sich durch das Unterholz. Weit war er sicher noch nicht gekommen.
Die Jagdbeute hatte er zurückgelassen. Ohne Gäule konnte er sie nicht mitnehmen. Ein nutzloser Trip in die Berge, der seinen beiden Kumpel das Leben gekostet hatte. Wieder und wieder sah er sich um und auf die gegenüber liegende Seite des Canyon. Das Gefühl, verfolgt zu werden lies ihn einfach nicht los. Er war sich sicher beobachtet zu werden. Doch entdecken konnte er nichts.
Frank brauchte eine Pause. Er ließ das Bündel seinen Rücken hinabgleiten und setzte sich auf einen Felsbrocken am Rand der Schlucht. Dann nestelte er die Wiskeyflasche aus der Jacke und trank gierig den kümmerlichen Rest, der vom Vorabend übrig geblieben war. Er lauschte. Die Geräusche des Waldes ließen auf keinen Verfolger schließen. Zwei Eichhörnchen jagten unbekümmert von Ast zu Ast, wechselten in mutigen Sprüngen die Bäume. Auch die Vögel zwitscherten unaufgeregt, doch konnte ihn das nicht wirklich beruhigen.
Bären hätte er schon von Weitem kommen gehört. Sie waren nicht in der Lage, geräuschlos durchs Dickicht zu schleichen. Natürliche Feinde hatten sie auch nicht zu fürchten. Bei Wölfen war das ganz anders. Frank würde sie kaum hören, höchstens sehen. Doch Angst musste er in der Vergangenheit nie haben, denn die scheuen Gesellen mieden normalerweise den Menschen. Sie hatten wohl gelernt, dass diese ihre eigentlichen Feinde waren. Eindringlinge, denen man besser aus dem Weg ging.
Bei dem Vieh, das Sam und William auf dem Gewissen hatte, war das anders. Möglicherweise ein Einzelgänger, der Blut geleckt hatte. Frank war sich sicher, ihn getroffen zu haben. Angeschossen war er gefährlich. Aber war das überhaupt ein normaler Wolf? Seine Augen hatten regelrecht geleuchtet. Dieser Gedanke jagte Frank einen Schauer über den Rücken. Und dieser Gedanke war es auch, der ihn nicht mehr losließ. Er war sich so sicher gewesen, den Graurock getroffen zu haben. Nach dem Schuss war er über Sam's Leiche zusammengebrochen.
Plötzlich schwang sich ein Seeadler von der Baumkrone einer Douglasie in die Höhe. Gleichzeitig schreckte ein Maultierhirsch, den Frank vorher nicht entdeckt hatte, am gegenüberliegenden Rand der Schlucht hoch und verschwand im Dickicht. Etwas stimmte nicht. Das waren typische Warnsignale für nahende Gefahr. Wie in Zeitlupe angelte er sich sein Gewehr, ohne den Canyon aus den Augen zu lassen. Es wurde seltsam ruhig. Nur das Plätschern des Baches tief unter ihm war noch zu hören. Frank kniete sich hin und lies sein Gewehr kreisen. Das Herz schlug auf einmal wie wild und er hörte es in seinem Schädel pochen. Schweiß perlte auf seiner Stirn, und einzelne Tropfen liefen ihm salzig in die Augen.
„Verdammtes Mistvieh“, zischte er. „Wo versteckst du dich? Komm und zeig dich“. Minutenlang verharrte er fast regungslos in seiner knieenden Position, bis ihm die Arme zu schwer wurden. Er setzte sein Gewehr wieder ab und das Blut kehrte zurück. In diesem Moment knackte es unweit seiner Position im Gehölz. Sein Herz schien stehenzubleiben. Das Geräusch war von links gekommen und hatte sich nicht wiederholt. Er riss seine Remington wieder hoch und zuckte herum. Bereit, sofort zu schießen. Da knackte es wieder, keine zwanzig Yards von ihm entfernt. Schnell korrigierte er die Schussrichtung seines Gewehres, dann sah er es. Ein Waldmurmeltier machte sich gerade daran, in seinen Bau zu kriechen. Das recht scheue Tier schien ihn nicht bemerkt zu haben. Frank ließ laut hörbar die Luft durch die Nase. „Blödes Vieh. Hast dem alten Frank einen gehörigen Schrecken eingejagt“.
Er machte sich wieder auf den Weg. Noch vor Einbruch der Dunkelheit wollte er die Ebene erreicht haben, die dem Canyon folgte. Dort gab es eine alte, halbverfallene Behausung direkt am Silver Ditch, die gelegentlich von Fallenstellern und Indianern benutzt wurde. Die wollte er erreichen. Weit war es nicht mehr. Er quälte sich so schnell er konnte durch das Unterholz. Wenn ihn die Dunkelheit überraschen würde, käme er kaum noch voran. Das wusste er.
Zum Glück schaffte es noch gerade rechtzeitig zur Hütte, bevor die Farben des Waldes in ein einheitliches Grau übergingen. Es stieg kein Rauch aus der Feueröffnung des grob zusammengezimmerten Blockhauses. Also nahm Frank an, das zur Zeit niemand da war. Dort angekommen schaute er sich noch einmal um und riss mit einem kräftigen Ruck die Tür auf. Drinnen war es ziemlich dunkel. Nur durch eine kleine, unverglaste Öffnung drang spärlich Licht und es roch nach kaltem Rauch und getrockneten Fellen. Er warf sein Bündel auf den in der Mitte stehenden Tisch und versuchte seine Augen an die Dunkelheit zu gewöhnen. Dann nahm er Holz, das neben dem offenen Herd gestapelt lag und machte Feuer.
Bald prasselten und flackerten wohlige Wärme und Licht verbreitende Flammen und Frank zog den einzigen Hocker näher heran. Jetzt, wo er allmählich zur Ruhe kam, machte sein Magen sich bemerkbar. Er fischte zwei Streifen gedörrtes Fleisch aus der Satteltasche und begann bedächtig zu kauen. Seine Kameraden und ihr grausames Schicksal fielen ihm wieder ein. Wie hatte es ein einzelner Wolf geschafft, die beiden zu töten? Warum war dieser nicht wie bei Wölfen üblich beim Herannahen von Menschen gefüchtet?
Jetzt, wo es allmählich warm in der Hütte geworden war, überfiel ihn bleierne Müdigkeit. Er legte noch ein paar Scheite Holz nach und warf sich auf die einzige Pritsche, die zwei Schritte vom Feuer entfernt an der Wand stand.
Dann übertönte das Heulen eines Wolfes das Knistern der Flammen.

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