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Verrat

Etwas war dieses mal anders. Schon kurz nach dem Einleiten des Landeanfluges erkennbar. Der Tower, in 1 Uhr-Position bereits deutlich zu sehen, hatte eben an Oberleutnant Geede die Anweisung „Take a long landing on 08“ durchgegeben. Das Landekreuz hob sich gut sichtbar vom Grau der Piste ab und Pilot Geede ging in den Sinkflug über. Sein Co, Leutnant Wiesner, betätigte den Hebel für die Fahrwerke, welcher hinten zwischen den beiden gepanzerten Pilotensitzen aus der Mittelkonsole ragte. Die Hydraulik erzeugte dabei für mehrere Sekunden ein vertrautes Geräusch und kurz danach konnte er die korrekte Arretierung des Bug- und der Hauptfahrwerke bestätigen.

Dann zeigte Wiesner in Richtung 10 Uhr und Geede folgte mit blinzelnden Augen der gedachten Linie bis zum Betankungspunkt, vielleicht noch 2 Meilen entfernt, wobei er den mächtigen Transporthubschrauber in gleichbleibendem Winkel zum Aufsetzpunkt drückte. Sie kamen leer zurück. Das heißt nicht ganz. Die beiden Bundeswehr-Piloten hatten das große Los gezogen und einen der gefragten, aber seltenen Auslandsflüge durchführen dürfen. Von ihrer Basis, einem Flugplatz in der Südeifel, waren sie vor 3 Tagen nach Nancy in Frankreich aufgebrochen. Die Sikorsky CH53-G bis zum unteren Rand der Seitenfenster mit Fallschirmen beladen.

Ihr Ziel war ein Militärgelände der Nato-Streitkräfte gewesen. Der Flug hatte sie in wilden Kurven die Mosel aufwärts geführt, vor der französischen Grenze nur zum Nachtanken kurz unterbrochen. Die Crew bestand aus den beiden Piloten, dem bordtechnischen Offizier Oberfeldwebel Feith, sowie 2 Manschaftsdienstgraden. Diese beiden hatten sich während des Hinfluges auf den Fallschirmen eingerichtet. Auf den Bäuchen liegend genossen sie einen fantastischen Blick auf die unter ihnen vorbeiziehende Landschaft.

Vor ihrem Abflug war die obligatorische Liste rundgegangen. Zum Schluss konnte man darauf die Bestellungen fast aller daheim gebliebenen Piloten lesen: Diverse Kisten Rotwein, die unterschiedlichsten Käsesorten, Cognac, Champagner und noch viele weitere der begehrten Spezialitäten aus dem Land der Tricolore. Billiger als auf ausländischen Militärstützpunkten konnte man einfach nicht einkaufen. Und so wurde rege Gebrauch davon gemacht. Die edle Ware war unsichtbar hinter der Verkleidung verstaut worden. Die gesamte Innenpolsterung bestand aus zumeist rechteckigen, silbrig schimmernden Kissen, welche durch Klettverschlüsse an der Zellenwand befestigt war. Dahinter befand sich genügend Platz für die sichere Aufbewahrung der Kostbarkeiten.

Geede hatte den Anflug fast beendet. Die Sonnenblende seines Helmes verbarg, dass das rechte Augenlied unregelmäßig zuckte. Dies passierte ihm immer bei Anspannung oder Konzentration. Keine Ahnung, warum. Die Maschine war dem Boden jetzt so nah, dass in den Kopfhörern der Helme ein Dauerton erklang. Ein Warnsignal, welches bei schlechter Sicht sehr hilfreich sein konnte und die Nähe zum Boden signalisierte. Jetzt war es einfach nur lästig. In diesem Moment fiel es Leutnant Wiesner wie Schuppen von den Augen: Es standen Fahrzeuge am Betankungspunkt, die dort eigentlich nichts zu suchen hatten. Neben dem Tankzug, einem Schlepper, der den Hubschrauber später in die Wartungshalle ziehen sollte und dem rot-weiß karierten „Follow me“, welches gerne als Taxi zum Tower zweckentfremdet wurde, parkten dort noch 2 Kleinbusse. Grün wie Miltärfahrzeuge, aber mit irgendeinem auf diese Entfernung noch nicht lesbaren weißen Schriftzug auf der Seite.

Sanft setzte der Pilot die schwere Maschine kurz hinter dem Landekreuz auf. Wiesner war die Sicht auf die Flight einen Moment versperrt, da diese sich hinter einem leichten Hügel des Flugplatzgeländes verbarg. Nach vielleicht 600 Metern bremste Geede die Zwillingsräder des linken Fahrwerkes ab und schwenkte auf den Zubringer zum Betankungspunkt ein. Jetzt war das Treiben dort endlich gut erkennbar und beide durchfuhr ein gehöriger Schreck. Die weiße Aufschrift auf den fremden Fahrzeugen lautete „Zoll“. Geede betätigte am Griff des Mittelknüppels, dem „Stick“, den Knopf für die Bordsprechanlage und presste ein für alle Mitflieger hörbares „Scheiße, erwischt“ heraus. Den sonst so abgebrühten Piloten und auch dem bordtechnischen Offizier, welcher ebenfalls den Bordfunk mithörte, stieg die Hitze in den Kopf.

Das war oberfaul. Noch nie zuvor waren Maschinen nach ihrer Rückkehr kontrolliert worden. Das durfte einfach nicht wahr sein. Irgendwer hatte sie verraten. Ein Tritt auf das rechte Pedal ließ den Hubschrauber auf die Flight einschwenken und Geede rollte die Maschine am vorgesehenen Platz aus. Während die Betankungscrew Lastzug und Hubschrauber mit einem Erdungskabel verband und anschließend die in den Hauptfahrwerksschächten befindlichen Tanks füllte, fiel es den Piloten schwer, die den Flug abschließenden Handgriffe durchzuführen. Gemäß Vorschrift wurde ein Hilfstriebwerk gestartet, welches nach Ausschalten der Haupttriebwerke die Hydraulik- und Stromversorgung sicherstellte.

Aus den beiden Kleinbussen des Zolls entstiegen provozierend langsam mehrere Personen und postierten sich neben ihren Fahrzeugen. Der Tankvorgang war nun beendet und Oberleutnant Geede drückte noch einmal den Stick leicht nach vorne und setzte so den Hubschrauber erneut in Bewegung. Nach wenigen Metern war die Parkposition erreicht. Der bordtechnische Offizier öffnete die hinter dem Cockpit rechts angebrachte zweigeteilte Tür und klappte eine kurze Treppe herunter. Noch immer mit einem langen Kabel an die Bordsprechanlage verbunden, lief er vor den Hubschrauber und überwachte unter anderem das nun folgende Abschalten der Haupttriebwerke. Die Geräuschkulisse ließ deutlich nach, als die 6 riesigen Rotorblätter immer langsamer wurden. Geede ließ sich allerdings mehr Zeit als sonst, die Drehbewegung des Rotors durch die sogenannte „weiche Rotorbremse“ zu stoppen.

Begleitet von einem Offizier des Stabes kamen die Beamten vom Zoll an die Maschine heran, während gleichzeitig der Schlepper den Hubschrauber an den Haken nahm. Die Arbeit der Piloten war nun beendet. Alles Weitere, wie beispielsweise das Nachhintenklappen der Rotorblätter, würde von anderen Soldaten erledigt werden. So quetschten sich die beiden am mittleren Notsitz vorbei und standen gleich danach den Grenzern gegenüber. Sie ahnten, nein sie wussten, was jetzt folgen würde. Einer der Beamten übernahm dann auch die Rolle des Wortführers. Er reichte den beiden nacheinander die Hand, stellte sich vor und sagte anschließend seinen oft geübten Spruch auf: „Haben sie zollpflichtige Waren anzumelden?“

Oberleutnant Geede verzog seinen Mund und nickte nur. Das war offensichtlich das Signal für die 3 anderen Zollbeamten. Sie kletterten in den Frachtraum des Hubschraubers, in welchem gähnende Leere herrschte. Davon unbeeindruckt riss einer der drei das erste Verkleidungskissen herunter. Chateauneuf du Pape, 6 Flaschen, gut gepolstert kamen zum Vorschein. Leutnand Wiesner drehte sich weg und starrte über den Flugplatz auf einen imaginären Punkt. Sie waren verloren. Jetzt wurde es richtig teuer. Duval-Leroy , Femme de Champagne , ein Champagner aus dem Anbaugebiet um Vertus war die nächste Entdeckung. Verkleidung um Verkleidung wurde entfernt und so nach und nach die Schmuggelware ans Tageslicht gebracht.

Der Gesichtsausdruck des Stabsoffizieres wurde im gleichen Maße ernster wie das Leiden in den Gesichtern der Piloten zunahm. Irgendwann waren die Beamten durch und die Zelle des Hubschraubers war nun innen genauso nackt wie außen. Auf der Ladefläche stapelten sich die Verfehlungen und wurden akribisch notiert, bevor die Ware in den Kleinbussen des Zolls verschwand. Mit Ausnahme der Beiden, die die Be- und Entladung der Fallschirme übernommen hatten, fuhren anschließend alle in Richtung Stabsgebäude. Außer Sichtweite öffnete einer der zurückgebliebenen Soldaten seinen Rucksack, zog halb eine Flasche Rotwein heraus und grinste: „Heut' Abend machen wir ordentlich einen drauf“.

„Darauf kannst Du Deinen Arsch verwetten“, erwiderte der andere.

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