Folgen
Ich hatte Sie vor den möglichen Folgen gewarnt. Aber sie hatte ja nicht hören wollen. Sie hörte nie, wenn ich ihr etwas empfahl. Eigentlich wäre es für mich ganz einfach gewesen. Hätte ich ihr zu der Aktion geraten, sie hätte das Gegenteil gemacht. Aber so ist meine Helga. Der typische Widder, wenn sie wissen, was ich meine. Mit dem Kopf durch die Wand und sich dann wundern, dass man Kopfschmerzen bekommt. Immer nach der Devise: Erst schießen, dann fragen, hatte sie sich selbst die Falle gestellt, um diese dann sofort zu vergessen. Als Trapper im Wilden Westen wäre sie gänzlich ungeeignet gewesen.
Irgendwie tat sie mir aber auch leid. Ein Häufchen Elend, dass zusammengesunken auf dem Stuhl hockte. Die Kaffeetasse in beiden Händen haltend starrte sie mit verheulten Augen auf einen imaginären Punkt des Küchentisches. Ihr Augen-Make-Up hatte sich von diesen entfernt und gab dem Gesicht etwas Expressionistisches.
„Wie konnte ich denn ahnen, dass es so ausgeht.“ Dabei dehnte sie das „so“ in die Länge, wie um Entschuldigung bittend. Wieder führte sie die Tasse an ihren Mund und erzeugte ein Schlürfgeräusch. Ich verkniff mir Vorwürfe. Sie hätten nichts genutzt und nur ihren Dickschädel geweckt. Die Erfahrung hatte mich gelehrt, dass ich am Ende dann dastehen würde wie der Schuldige. Also hielt ich meinen Mund und beschäftigte mich mit der Kaffeemaschine.
„Das mach ich nie mehr. Soviel steht fest“, kam es jetzt trotzig aus ihrem Mund. An dieser Stelle hielt ich es dann doch für angebracht, aus dem Monolog einen Dialog zu machen. Ich versuchte, die Sache klein zu reden: „Ist doch nichts Dramatisches passiert. Mach dir keinen Kopf Liebes.“ Unser Papagei, der seltsamerweise bisher seinen Schnabel gehalten hatte, krächzte aus seinem Käfig ein deutlich hörbares „Helga lieb!“ Die so angesprochene schien das nicht wirklich zu trösten.
„Dramatisch nicht. Es war einfach nur mega peinlich“, fuhr sie fort, wobei sie ein Taschentuch aus der Spenderbox vor ihr zupfte. Das daraufhin folgende Geräusch hätte ein sizilianischer Zementmischer nicht eindrucksvoller machen können. Ich zuckte dabei regelrecht zusammen. Nur Emil, der vorlaute Papagei schien unbeeindruckt. „Peinlich“, tönte es vollendet artikuliert aus seiner Ecke.
„Wie steh ich denn jetzt da? Ich kann mich doch nicht mehr unter die Leute trauen.“ Innerlich gab ich ihr recht. Auf dem Dorf ist so etwas schneller rund als Michael Schumacher um den Hockenheimring. Wider besseren Wissens gab ich zur Antwort: „Das ist schnell vergessen. Mit etwas Glück erzählt Claudia es ja nicht weiter“. Und ich beeilte mich fortzufahren: „Der Grillabend war doch ansonsten sehr schön“.
„Bis zu dem Moment, als Claudia in die Küche kam“. Erneut schluchzte sie herzzerreissend. „Claudia lieb“, kommentierte das vorlaute Federvieh in seinem Gefängnis. „Halt du dich da raus“, fauchte Helga zurück. „Emil raus“, war die Antwort.
„Geschmeckt hat es aber doch, finde ich“. Schwächer hätte ich nicht dagegen halten können. Das war mir schon bewusst, bevor ich es ausgesprochen hatte. „Wen interessiert das?“ Verzweiflung zeigte sich in ihren Gesichtszügen. „Ich trau mich nur noch im Dunkeln vor die Tür.“ Ein weiteres Taschentuch nahm den Weg alles Irdischen. „Tür lieb“, erweiterte der zukünftige Staubwedel seinen Wortschatz.
Ich hatte plötzlich keine Lust mehr, den Seelentröster zu spielen. Auch zog mich ein allzu menschliches Verlangen Richtung Badezimmer. Sollte sie doch wissen, was ich von ihrem Geiz hielt. Etwas zu spöttisch geriet aus diesem Grund auch mein nächster Kommentar: „Dann kauf eben demnächst einfach Lebensmittel ein, bei denen das Verfallsdatum nicht schon zwei Wochen überschritten ist. Dann entdeckt deine Freundin auch nicht Verpackungen mit verdächtigem Datum drauf.“
Sie zog den Kopf aus der Tasse und schaute mich zunächst irritiert an. Dann verengten sich ihre Augen plötzlich kampflustig zu schmalen Schlitzen, als sie mich anfauchte: „Stimmt. Ich hätte es besser wissen müssen. Dich habe ich schließlich auch vom Wühltisch, und es war die Mühe nicht wert.“
„Stimmt, Wühltisch“, rezitierte das gefiederte Scheusal.
Die Seiten des Autors Georg Klinkhammer