Fiat justizia, oder so
Ich war früher immer der Meinung, dass es Dinge gibt, die man nicht machen sollte. Nicht machen darf. Nicht nur, weil sie sich aus moralischen Gründen verbieten. Weil man so etwas wie einen gesunden Menschenverstand hat, der instinktiv ahnt, was richtig und was falsch ist. Ich kann mich des Eindruckes nicht erwehren, dass vielen dieses Gefühl von Recht und Unrecht abhanden gekommen ist. Nein, man darf vieles nicht tun, weil es in jedem Land mehr oder weniger schwere Wälzer gibt, die sich 'Bürgerliches Gesetzbuch' oder ähnlich nennen.
Seltsam ist es schon. Früher reichten gerade mal zehn Gebote, und die auch noch in zwei Steintafeln gemeißelt, um jedem vor Augen zu halten: Lass dass und tu dies. Stellt man die beiden Steine auf eine Waage, dann erreichen sie das gleiche Gewicht wie BGB und StGB zusammen. Nur sind diese beiden aus Papier und vollgekritzelt mit Paragraphen. Der Homo Sapiens Sapiens hatte schon immer einen Sinn für epische Breiten. Warum einfach, wenn's auch kompliziert geht?
Natürlich hat das gute Gründe. Auf diese Weise werden Heere von Anwälten, Staatsanwälten, Richtern und deren Hilfskräfte beschäftigt. In ihrem Windschatten leben fast ebenso viele Psychologen und Gutachter. Die wollen alle was zu tun haben. So viele Imbisbuden könnte es garnicht geben, um alle Psychotherapeuten und Sozialarbeiter Pommes rot/weiss verkaufen zu lassen, obwohl es wahrlich manchmal besser wäre. Ich denke da an diverse Gutachten und Statements, die ehemalige Täter zu Wiederholungstätern gemacht haben.
Im Laufe der Jahrhunderte seit dem Exodus müssen meiner Meinung nach die Steintafeln immer wieder kopiert worden sein, und dabei haben sich weitere Wörter und Sätze reingeschlichen, die dem Steinmeißler und später dem Buchdrucker gerade so eingefallen sind. Regel um Regel wurde neu geschaffen, und die brauchten natürlich auch ihre Ausnahmen. Ich bin, liebe(r) LeserIn, leider kein Rechtsgelehrter. Man könnte mich problemlos in die große Masse der Unwissenden stellen. Trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, dass wir mittlerweile 'verkehrte Welt' haben.
Mit oben erwähntem gesunden Menschenverstand ausgestattet – Gott hab ihn selig – wäre beispielsweise eine Institution wie der Weiße Ring überflüssig. Opfer von Verbrechen würden ganz selbstverständlich vom Staat betreut. Selbstverständlich nur dann, wenn sie nicht bereits zwei Meter tiefergelegt worden wären. Die Täter haben es da entschieden besser. Wenn Sie einmal irgend eine Missetat vorhaben, dann brauchen Sie sich nur an leicht verständliche Regeln zu halten, und Sie kommen höchstens mit einem blauen Auge davon. Beispiele gefällig? Aber gerne.
Sie haben vor, Ihre Familie zu dezimieren? Auf unnatürliche Weise? Dann beherzigen Sie folgendes: Saufen Sie sich die Hucke voll. 2,5 Promille Blutalkohol sollten es schon sein. Macht außerdem die Ausführung leichter. Jetzt lassen Sie Ihre Schandtat wie eine Affekthandlung aussehen, und Sie sind auf der sicheren Seite. Gut geeignet sind Werkzeuge wie Blumenvasen, Kristall-Aschenbecher und ähnliches. Schlecht dagegen so Dinge wie Kreissäge oder E605. Da hätten Sie ein Problem, dem Richter klarzumachen, dass alles im Affekt passiert ist. Aus Mord ist im Nu Totschlag im minderschweren Fall geworden. Ist das nicht hübsch?
Sie sind Kinderschänder? Na wunderbar. Leben Sie ihre pädophilen Neigungen nach Herzenslust aus. Trainieren Sie sich aber um Himmels Willen ein paar Eigenheiten an, die bei der späteren Begutachtung, falls Sie sich erwischen lassen, auf eine schwere Kindheit schließen lassen. Gerichtssachverständige mögen es auch sehr, wenn Sie vorgeben, früher selbst vergewaltigt worden zu sein. Wenn Sie trotzdem ins Gefängnis müssen, spielen Sie so schnell wie möglich den Geläuterten. So hat Ihr Psychologe ein Erfolgserlebnis und Sie werden als geheilt entlassen.
Gehören Sie zu den ganz Großen? Ich meine so Leute wie Baulöwen, Bänker, Manager. Dann ist es besonders leicht für Sie. Machen Sie Kohle ohne Ende, es passiert Ihnen nichts. Was spielt es schon für eine Rolle, wenn zum Beispiel hunderte kleiner Subunternehmer auf der Strecke bleiben, oder Arbeitsplätze zum Teufel sind. Die Geldstrafe zahlen Sie locker aus der Portokasse und anschließend lassen Sie die Korken auf Ihrer Luxusyacht in Saint Tropez knallen. Außerdem wächst in unserer schnelllebigen Welt eh schnell Gras über die Sache, und wenn Sie sich nicht ausgelastet fühlen, nehmen Sie doch einfach einen gut dotierten Beraterjob an.
Bei Kavaliersdelikten wie Einbruch, Fahrerflucht und so weiter reicht schon ein fester Wohnsitz. Über solche Banalitäten brauche ich garnicht zu reden. Wenn Sie dennoch mal gesiebte Luft atmen müssen, passt vielleicht folgender Tipp. Sollten Sie mit einer guten Portion Scharm ausgestattet sein, gelingt es Ihnen vielleicht, dass sich Ihre Anwältin im Knast in Sie verliebt. Dann haben Sie sowieso schon gewonnen. Mit den passenden Schlüsseln ausgestattet, spazieren Sie durch die dicksten Stahltüren wieder nach draußen. Meistens sind solche Aktionen aber überhaupt nicht nötig, da Sie schon bald Freigang oder Urlaub haben werden.
Selbstverständlich habe ich auch eine Menge guter Ratschläge für die Opfer. Die behalte ich aber für mich. Ich möchte Ihre Therapeuten ja nicht arbeitslos machen.
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