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Devon (Die Erdenmacher)

Jonas freute sich schon sehr auf den Feierabend. Heute hatten einige Kunden ziemlich an seinem Nervenkostüm gerüttelt, und er war froh, dass er gleich die Werkstatt abschließen konnte. Sein Altgeselle kam gerade die Treppe zum Aufenthaltsraum hoch und winkte ihm beim Hinausgehen noch freundlich zu. Endlich Wochenende und endlich mal wieder Zeit für sein Hobby. Als Inhaber einer kleinen Autowerkstatt war seine Freizeit nur allzu knapp bemessen. Da war es eigentlich ganz in Ordnung, dass er nicht auch noch Familie hatte, um die er sich kümmern musste. Er war mit seinem Junggesellendasein recht zufrieden. Dabei gab es sicherlich die eine oder andere Frau im Dorf, die Interesse zeigte. Doch das war eine sehr einseitige Angelegenheit. Auch meinte er, mit 32 Jahren durchaus noch warten zu können.

Er löschte die Lichter im Büro und der Werkstatt und stellte die Alarmanlage scharf. Schnell griff er noch seinen Rucksack mit den Utensilien, die er morgen früh mit in den Steinbruch nehmen wollte und ging über den Werkstatthof zu seinem Haus, kaum 50 Schritte entfernt. Er hatte es von seinen Eltern geerbt, die beide früh gestorben waren. Außer ihm gab es nur noch eine Schwester, die 2 Jahre älter und in der Stadt verheiratet war. Er hatte arg strampeln müssen, um ihr das Erbteil auszahlen zu können. Das war jetzt 3 Jahre her, und er hatte die schwierigste Zeit überstanden. Wohl auch deshalb, weil er gut mit seinen Kunden umgehen konnte. Eine notwendige Sache, denn weit ab von großen Durchgangsstraßen lebte er von seiner Stammkundschaft. Kaum einmal verirrte sich ein Tourist in diese Gegend, obwohl die Landschaft hier sehr reizvoll war. Aber außer wandern konnte man nicht viel unternehmen, wenn man einmal von seiner eigenen Leidenschaft absah.

Immer, wenn es seine Zeit erlaubte, kletterte er in den alten Steinbruch in der Nähe des Ortes und klopfte Fossilien aus dem Gestein. Dort war er mit sich und seinen Gedanken allein. Im Laufe der Jahre hatte sich bereits eine schöne Sammlung in seinen Wohnzimmervitrinen angesammelt. Die besten Stücke waren hier fein säuberlich ausgestellt. Er wohnte in einem Teil des rheinischen Schiefergebirges, das reich an Fossilien aus dem Devon-Meer war. Vor ca. 350 Millionen Jahren gab es an dieser Stelle einen gewaltigen Ur-Ozean, und entsprechend gut war die Ausbeute seines Sammeleifers. Schalen von Muscheln oder Brachiopoden, Gehäuse von Schnecken, Panzer von Trilobiten, einer heute ausgestorbenen Tiergruppe oder Stützskelette von Korallen waren die schönsten Stücke, auf die er besonders stolz war.

Er erreichte die Haustür und blickte noch einmal in den Himmel. Anscheinend hatten die Wetterfrösche im Fernsehen recht mit ihrer Behauptung, es würde sonnig werden. Wurde auch langsam Zeit. Tagelang hatte es nur geregnet, und er wünschte sich endlich wieder Sonne. Andererseits konnten dadurch die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Suche nach Versteinerungen nicht besser sein. Die Wände des Steinbruches würden sich ihm frei von lehmiger Erde präsentieren. Das erleichterte die Suche ungemein.

Kaum hatte er die Tür aufgeschlossen, da klingelte auch schon das Telefon im Esszimmer. Seine gute Laune war mit einem Schlag wieder dahin. So beeilte er sich nicht besonders, und nachdem er abgehoben und seinen Namen genannt hatte, musste er sich gleich einen Vorwurf anhören. „Wo hast du gesteckt? In der Werkstatt gehst du nicht ran, und hier in der Wohnung hat es auch ewig gedauert.“ Seine Schwester schien wohl leicht angefressen zu sein, was ihm ziemlich egal war. „Was ist denn so Wichtiges?“ zischte er zurück. „Man wird doch wohl noch mal 'für kleine Jungs' gehen dürfen.“ Das war zwar eine glatte Lüge, aber er hatte keine Lust für eine lange Erklärung. „Ist ja schon gut. Sind wir nicht gut drauf heute?“ Die Stimme am anderen Ende der Leitung klang jetzt leicht belustigt.

„Hatte Stress, entschuldige. Was gibt’s denn?“ „Wir wollten morgen an die Talsperre fahren zum Wandern.“ Mit 'wir' meinte sie sich und ihren missratenen Ehemann Holger. „Hast Du nicht Lust, mit uns zu fahren? Dann kommst Du mal raus aus deinem Loch.“ Das fehlte noch, als Reserverad hinter den beiden herzurollen. Holger war unausstehlich. Beruflich als Börsenjuppi überaus erfolgreich, aber charakterlich ein A... „Nee, tut mir leid, hab' schon was vor,“ presste er in leicht weinerlichem Ton heraus. „Kann das nicht mehr absagen, sorry.“ „Hey, du hast ein Date? Hätte ich dir nicht zugetraut.“ Seine Schwester war ob ihrer Feststellung versöhnt, und er wollte ihr nicht widersprechen, um das Telefonat nicht unnötig in die Länge zu ziehen. Doch er hatte die Rechnung ohne sie gemacht. „Komm, erzähl! Woher, wie alt, was macht sie so, und wie hast du sie kennen gelernt?“

Er war aber auch zu blöd'. Er hätte mit ihrer weiblichen Neugierde rechnen müssen. Während er also irgend etwas aus dem Blauen erzählte, ging er zuerst ins Bad, um die Arbeitsklamotten auszuziehen, danach zu seinem Schlafzimmerschrank. Dort zog er sich frische Sachen an, während seine Schwester unaufhörlich auf ihn einredete. Ziemlich wortkarg – was sollte er auch sagen – war sein nächster Gang in die Küche. Der Hunger meldete sich. „Besonders gesprächig bist du ja nicht gerade“, stellte sie deshalb auch bald fest. „Ich muss dir alles aus der Nase ziehen“. Er grummelte nur etwas von: „Sind ja noch ungelegte Eier“ oder ähnliches, als er anfing, geräuschvoll mit Pfanne und Tellern zu hantieren. „Was machst du die ganze Zeit? Hört sich ja an, als ob du das Haus auseinander nimmst.“ „Ich hab' Kohldampf und mach' mir grade was zu essen,“ gab er zur Antwort. Das endlich nahm seine Schwester als Stichwort und begann mit dem Verabschiedungszeremoniell. „Na gut, dann futter mal schön und viel Glück bei deiner Verabredung. Vielleicht klappt's ja am nächsten Wochenende. Ich will alles erfahren, hörst du?“ Endlich legte sie auf.

2

Er musste verschlafen haben. Er wusste es in dem Moment, als er die Augen aufschlug. Die Sonne hatte die letzten Regenwolken vertrieben und schien ihm ins Gesicht. Es sollte demnach ungefähr 10 Uhr sein. Schlagartig war er hellwach. Mist, er hatte doch vorgehabt, um diese Zeit schon zwischen den Felsbrocken herum zu klettern. Und das passierte ihm, einem notorischen Frühaufsteher. Andererseits, was machte es schon? Es war Wochenende und noch genügend Zeit, auf Beutejagd zu gehen. Schnell war er aus dem Bett. Duschen wollte er erst abends, wenn es sich lohnen würde. Nach jeder Tour zum Steinbruch sah er stets aus, als ob er mit bloßen Händen einen Acker umgepflügt hätte. Also rein in die Klamotten und in der Küche Proviant eingepackt. Es war zwar nicht weit bis zum Steinbruch, aber wenn ihn der Eifer gepackt hatte, war die Lust, zwischendurch zum Essen nach Hause zu gehen, futsch.

Kaum 15 Minuten später war er auch schon unterwegs. Der schmale Feldweg, gesäumt von Buchen und ein paar Nadelhölzern, schlängelte sich durch ein kleines Tal bis zu einer Lichtung. Dort angekommen, konnte man schon den Hang sehen, in den vor Jahrzehnten eine klaffende Wunde gesprengt worden war. Viele Häuser des Dorfes waren mit Steinen aus diesem Bruch gebaut worden. Er wandte sich nach links, kletterte über einen Weidezaun, und wenige Meter weiter stand er am Rand des Aufschlusses und sah sich den Fels an. Der Regen der letzten Tage hatte ganze Arbeit geleistet. Wie vemutet, war die Felswand wie blankgewaschen. Und noch etwas hatte sich seit seinem letzten Besuch geändert. Ein großer Felsbrocken aus der Wand war fast bis in die Mitte des halbkreisförmigen Bruches gerollt. Ihm wurde bewusst, wie gefährlich doch sein Hobby sein konnte.

Er beschloss, sich die Stelle genauer anzusehen, an der der Brocken ursprünglich in der Wand gehangen hatte. Sie war leicht auszumachen. In vielleicht 8 Metern Höhe und ungefähr 20 Meter unter dem oberen Rand des Steinbruches klaffte ein ziemlich großes Loch. Er stieg über das Geröll am Boden, bis er die steil aufsteigende Wand erreichte. Jetzt musste ein bischen geklettert werden, was aber kein Problem für Jonas war. Innerhalb kürzester Zeit erreichte er einen kleinen Vorsprung. Von hier aus hatte der große Brocken seine rasante, aber kurze Fahrt in die Tiefe angetreten. Im Fels klaffte ein schmaler Spalt, der in einem engen Knick weiter in den Hang verlief. Er war gerade mannshoch und so eng, dass er sich nur seitlich hinein quetschen konnte. Gleich hinter der scharfen Kurve im Gestein wurde die Öffnung weiter, doch es war so dunkel, dass er kaum mehr etwas sehen konnte. So machte er auf der Stelle kehrt und gelangte mit einiger Mühe wieder ins Freie.

Seine Neugierde war geweckt. Es überkam ihn wieder jenes Gefühl, dass ihn als kleiner Junge schon immer hierhin getrieben hatte. Die Abenteuerlust war geweckt. Er stellte seinen Rucksack vor die Öffnung und kletterte so schnell es ging hinunter. Fast wäre er gestürzt, was er gerade noch verhindern konnte. Er lief mehr als er ging wieder nach Hause. Jonas beschloss herauszufinden, wie tief der Spalt im Fels war. Dazu brauchte er aber zumindest eine gute Taschenlampe. Er wusste, es gab eine Menge kleiner und größerer Höhlen in seiner Gegend. Aber alle waren längst bekannt und erforscht. Diese hier kannte nur er, und er hoffte, dass sie tief in den Hang hinein reichte. In rekordverdächtiger Zeit legte er Hin- und Rückweg zurück. Ziemlich außer Atem kam er wieder am Fuß der Felswand an und musste erst einmal verschnaufen.

Seine Gedanken kreisten schon längst nicht mehr um das Sammeln von Fossilien. Er hatte vielleicht eine Höhle entdeckt. Das galt es jetzt herauszufinden. Also atmete er noch einmal tief durch und erklomm erneut den steilen Fels. Oben angekommen, nahm er erst mal einen guten Schluck aus seiner Wasserflasche, die er morgens im Rucksack verstaut hatte. Dann war er soweit. Wieder bezwang er den schmalen Spalt und gleich darauf schaltete er seine Stablampe ein. Die Felswände sahen hier aus, als ob sie nach rechts und links auseinandergebogen worden wären. Sie liefen sowohl oben als auch unten spitz zu. Es würde nicht leicht werden, weiter in den Berg vorzudringen. Er brauchte die Hände, um sich auf beiden Seiten abzustützen, während er an den konisch zusammen laufenden Wänden mit den Füßen versuchte, Halt zu finden. Kurzerhand klemmte er die Taschenlampe in die Schulterklappe seiner Jacke. So konnte er mit beiden Händen arbeiten.

Nach ca. 2 Metern der nächste Knick. Dieser war aber nicht mehr so eng, und dahinter weitete sich der Spalt schon zu einer kleinen Höhle. Jetzt war es leichter, sich zu bewegen. Er leuchtete die Wände ab, an denen ein dünner Wasserfilm klebte. Beim Zurückblicken war nur noch ein schwacher Schein Tageslicht auszumachen. Seine Aufregung wuchs, weil er allmählich realisierte, dass sich seine Hoffnung bestätigte. Er hatte tatsächlich eine neue Höhle entdeckt und noch war kein Ende zu erkennen. Vorsichtig bewegte er sich weiter und musste jetzt besonders aufpassen, da es in unregelmäßigen Stufen abwärts ging. Dabei kamen so manches Mal die seitlichen Wände bedrohlich nahe, so dass er schon Angst hatte, das Ende der Höhle wäre erreicht. Doch seine Befürchtungen erwiesen sich als unbegründet. Es ging weiter und tiefer in den Berg hinein. Die nächste Biegung, die wieder leicht ansteigend war, musste gemeistert werden. Und dann stand er am Rand einer fast topfebenen Fläche, die den Boden eines großen Höhlendomes markierte.

Voll Ehrfurcht verharrte er und leuchtete mit der Lampe die Wände ab, um herauszufinden, welche Größe dieser Teil der Höhle hatte. Tropfsteine hatten tausende von Jahren Zeit gehabt zu wachsen. Decken- und Solensinter bildeten bizarre Formen. Manche mit einer Höhe von über 2 Metern. So etwas hatte er zuletzt in einer Höhle in Südfrankreich gesehen. Von diesen Eindrücken fast erschlagen, lehnte er sich gegen eine Felswand. Das würde ihm im Dorf niemand glauben. Es fiel ihm schwer, einen klaren Gedanken zu fassen. Die Lampe suchte weiter Decken und Wände ab. Welche Pracht entfaltete sich im Lichtkegel. Einfach unbeschreiblich.

3

Er war sich nicht sicher, wie lange er schon so dagestanden hatte. Es war auch egal. Das Fieber hatte ihn gepackt. Ohne große Vorsicht begab er sich in die Mitte der Grotte und leuchtete dabei weiter Decken und Wände ab. In Gedanken stellte er sich schon eine Schlagzeile in der Tagespresse vor: 'Höhle in der Eifel entdeckt. Sie wird nach ihrem Entdecker Grohn-Höhle genannt.' Die Wände waren teilweise stark verkalkt. Nur dort, wo das Wasser nicht hinkam, war der Fels im Schein der Lampe stumpf. Risse und Felsvorsprünge malten ein bizarres Schattenbild im Lichtkegel. Plötzlich blieb sein Blick an einer glatten Stelle in der Wand haften. Er ging näher heran, denn er meinte, seinen Augen nicht trauen zu können. Dieser Teil des Felsens sah aus, als ob er an diese Stelle hingesetzt worden wäre. Er war ungefähr 2 Meter hoch und in Augenhöhe leuchtete ihm in mattem blau eine Hand entgegen. Es war der Abdruck einer Hand, die vielleicht einen Zentimeter tief in den Fels gedrückt zu sein schien. Sein Herz begann zu rasen und klopfte heftig im Hals. Kein Zweifel, das war keine optische Täuschung. Die Natur hätte diesen Zufall niemals fertig gebracht.

Mit seinen Fingern tastete er die Konturen ab. Es waren nur vier Finger, der Daumen fehlte. Seine Gedanken schlugen Purzelbäume. War die Höhle in früher Vorzeit bewohnt gewesen? Und wenn, von wem? Bisher hatte er jedoch keinerlei Anzeichen hierfür gefunden. Nur diese Vier-Finger-Hand im Fels. Er untersuchte den Brocken, der aussah, als ob er einen Durchgang versperrte. 'Fast wie eine Tür' dachte er. Sein Atem war das einzige Geräusch, das er hören konnte. Ab und zu tropfte Wasser von der Decke herab. Sonst war es völlig still. Noch einmal leuchtete er die Höhle aus, konnte aber keinen weiteren begehbaren Spalt entdecken. Hier ging es also nicht weiter. Er drehte sich wieder um und betrachtete erneut die Hand. Er wusste von Höhlenmalereien, und dass vor vielleicht 40- bis 50 tausend Jahren der Neandertaler in dieser Gegend lebte. Aber konnte dieser Abdruck von ihm stammen? Wie lange war der ursprüngliche Eingang zu dieser Höhle schon verschüttet? Alles Fragen, auf die er keine Antworten wusste. Wieder fuhr er mit den Fingerspitzen die Konturen der Hand ab. Wenn sie in den Stein gehauen worden wäre, müsste es doch entsprechende Spuren geben. Aber so sehr er auch danach suchte, vergebens. Vielmehr sah die Hand wie ein Abdruck in feuchtem Lehm aus. Er verglich die Größe mit seiner rechten Hand. Sie passte bis auf den Daumen bequem hinein. Leicht drückte er dagegen, und plötzlich wich der Fels mit einem leisen Summen zurück.

Ein heftiger Schreck jagte durch seinen Körper. Sein Hausarzt hatte einmal gemeint, er wäre nicht infarktgefährdet. Jetzt würde er sicherlich eine andere Diagnose stellen. Er kippte seitlich gegen die Felswand und fasste sich an die Brust. Alles in ihm war in Aufruhr. Kein Neandertaler oder ein anderer Mensch der Frühzeit hätte so etwas zu Wege gebracht. Soviel war sicher. Er hielt den Atem an und lauschte. Nichts. Nur das stete Tropfen des Wassers von der Decke der Höhle war zu hören und ließ ihn frösteln. Ein Gefühl der Angst beschlich ihn. War er vielleicht nicht alleine hier? Sein Herz wollte sich nur langsam beruhigen. Noch immer hatte er die Szene vor Augen, als die Wand durch seinen Händedruck zurückgewichen war. Sie hatte sich ungefähr einen Meter von ihm fortbewegt und einen Spalt rechts und links von ihr frei gemacht. Noch traute er sich nicht, um diese 'Tür' herum zu schauen. Der Lichtkegel seiner Taschenlampe leuchtete wie ein fest montierter Strahler immer noch diese Hand an. Ganz allmählich ließ das Rauschen des Blutes in seinen Ohren nach, und sein Gehirn fand wieder zu rationalem Denken zurück. Ihm fiel ein Schriftsteller ein, den er immer belächelt hatte, weil er alle nicht erklärbaren Phänomene auf der Erde auf Außerirdische zurückführte. Er sah jetzt seine Bücher in einem ganz anderen Licht.

Diese Höhle war mit Sicherheit zumindest viele Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende unentdeckt geblieben. Kein Mensch wäre damals auf diesen Mechanismus gekommen. Eine Technik, die immer noch anstandslos funktionierte. Er ließ den Moment, als er seine Hand gegen den Abdruck gehalten hatte, noch einmal Revue passieren. Nur ein Summen war zu hören gewesen, als sich die Tür aus Stein in Bewegung gesetzt hatte. Ein Summen, dass ihn an einen Tischventilator erinnerte. So ein Geräusch erzeugte z. B. ein Elektromotor. Endlich hatte er sich jetzt wieder soweit unter Kontrolle, um die Tür einer genaueren Untersuchung zu unterziehen. Er leuchtete den Boden ab, der vorher durch den Fels verdeckt gewesen war. Glattpolierter Steinboden, kein Staubkorn, nichts. Also hatte die Tür mit dem Untergrund absolut dicht abgeschlossen. Das Gleiche galt für die Wände rechts und links. Seine Hände tasteten den Stein ab. Wie gefräst, dachte er. Er holte tief Luft und lugte um die Tür herum. Das Licht der Lampe ließ einen Gang erkennen, der in steilem Winkel nach unten führte. Auch diese Wände sahen aus, als ob ein Tunnelbohrer ganze Arbeit geleistet hatte. Das Ende des Ganges lag im Dunkeln. Ein schwarzes Loch. Sollte er riskieren, weiter zu gehen? Was, wenn sich die Tür hinter ihm wieder schließen würde. Dieses Risiko konnte und wollte er nicht eingehen. Wenn er dem Gang folgen wollte, müsste er vorher den Spalt, den die Tür freigegeben hatte, mit irgendetwas versperren. Ihm wurde bewusst, dass er mit den Hilfsmitteln, die er dabei hatte, nicht mehr weiter kam. Er musste zurück und sich mit Werkzeug und Gerät eindecken. Und noch etwas fiel ihm ein. Niemand durfte etwas von seiner Entdeckung erfahren. Jonas musste den Eingang zur Höhle irgendwie tarnen. Es verliefen sich zwar nicht viele Leute in den Steinbruch, aber man konnte ja nie wissen.

Während er auf dem Weg ins Freie war, arbeitete sein Gedankenapparat immer noch auf Hochtouren. Neben der Frage, was er alles zur weiteren Erkundung brauchen würde, beschäftigte ihn am meisten das Ende der Tunnelröhre. Was erwartete ihn dort? Ging es dann noch weiter? Die Erbauer hatten sicher nicht nur aus Spaß Felsen durchbohrt. Trotz größter Mühe konnte er seine Gedanken noch nicht richtig sortieren. Alles versuchte gleichzeitig, verarbeitet zu werden. Er war im Moment schlicht überfordert. Kein Wunder. So konzentrierte er sich erst einmal ganz auf den Weg aus der Höhle. Endlich atmete er wieder frische Luft, und er fühlte die angenehme Wärme der Sonne auf seinem Gesicht. Er überlegte. Von unten war der Spalt im Felsen kaum zu erkennen. Es brauchte also nicht viel zur Tarnung. Links neben dem Eingang wuchs ein kleiner Busch. Der musste erstmal genügen. Mehrmals zog er ruckartig daran, bis er sich aus der wenigen Erde einer Spalte löste. Schnell war der Eingang versperrt, und er machte sich wieder an den Abstieg. Was brauchte er alles für seine weitere Expedition? Ein kleiner Generator wäre nicht schlecht. Das Geräusch des Motors würde draußen nicht zu hören sein. So hätte er mehr Licht und könnte auch mit Elektrowerkzeug arbeiten, wenn das notwendig werden sollte. Nur war der Spalt zu schmal. Er müsste das Gerät zuerst demontieren und in der Höhle wieder zusammenbauen. Seile hätte er auch genug. Alles kein Problem. Kein Mensch begegnete ihm auf dem kurzen Fußweg nach Hause, was Jonas mit Genugtuung registrierte. Niemand sollte zunächst von seiner Entdeckung erfahren oder neugierig werden. Er wollte sich erst selbst über seinen Fund klar werden.

Zu Hause angekommen, lenkte er seine Schritte zum Kühlschrank. Er brauchte ein Bier, vielleicht zwei. Den Rucksack pfefferte er in eine Ecke und ließ sich auf den Wohnzimmersessel fallen. Er starrte die Wand an, ohne sie wirklich wahrzunehmen. Immer noch klickten die Synapsen in seinem Gehirn wie wild. Seine Gedanken wanderten ins Weltall, zu Raumfahrern mit vier Fingern. Sofort musste er lächeln. Was für ein Unsinn. Soviel er wusste, waren die Entfernungen im All gigantisch. Man würde hunderte, vielleicht tausende von Jahren brauchen, um einen möglicherweise erdähnlichen Planeten zu erreichen. Nein, die Idee von Außerirdischen erschien ihm absolut unglaubhaft. Aber vielleicht gab es einmal eine Hochkultur auf der Erde, die solch technische Spielereien drauf hatte? Auch das klang eigentlich unmöglich, doch war er sich absolut sicher, dass sein Fund schon sehr alt sein musste. Das rheinische Schiefergebirge hatte sich vor vielen Millionen Jahren langsam gehoben, und das Wasser war gewichen. Die Gegend war zu dieser Zeit stark vulkanisch. Den letzten Ausbruch hatte es vor vielleicht 10.000 Jahren gegeben. Erdgeschichtlich gerade einmal ein Wimpernschlag. Zu dieser Zeit war der Neandertaler schon ausgestorben. Aber der Mensch damals war auf dem technischen Stand der Steinzeit, vielleicht der Bronzezeit. Wer also war der Konstrukteur des Tunnels und dieser Steintür? Er schüttelte den Kopf und nahm einen großen Schluck aus der Bierflasche. Nein, alle seine Überlegungen landeten in einer Sackgasse. Er musste sich Gewissheit verschaffen. Vorher würde seine Seele keine Ruhe finden.

4

Die Expedition in die Tiefe des Berges konnte beginnen. Es war alles vorbereitet. Kaum zwei Stunden hatte er gebraucht, den Generator auseinander zu nehmen, und Seile, Lampen sowie Werkzeuge aus der Werkstatt auf einen kleinen Hänger zu verladen. Jonas hielt seinen Wagen am Zaun der Wiese vor dem Steinbruch an, öffnete das Gatter und der Weg bis an den Fuß des Steilhanges war frei. Alles musste ausgeladen werden und sein Fahrzeug sollte schnellstens hier weg, um kein Aufsehen zu erregen. Irgendwann parkte sein Fahrzeug wieder auf dem Hof der Werkstatt und Jonas legte den Weg zum Steinbruch erneut zurück. Dieses Mal jedoch zu Fuß. Niemand schien ihn bei seinen Aktionen beobachtet zu haben. Kein Spaziergänger, kein Bauer in der Nähe. Gut so. Aber jetzt begann eine arge Plackerei. Alle Gerätschaften mussten zuerst bis an den Höhleneingang geschafft werden. Das dauerte, und danach war er fix und fertig. Es war mittlerweile warm geworden, und der Schweiß quoll nur so aus den Poren. Sein Hemd klebte auf dem Rücken. Doch er nahm es kaum wahr. Fieberhaft schaffte er Teil für Teil in die Höhle und legte alles im großen Dom erst einmal ab. Nachdem er damit fertig war, bemerkte er das erste Mal seine Erschöpfung und ließ sich auf den kleinen Tank des Benzinmotors seines Generators sinken. Er konnte an diesem Tag alles nur noch zusammenbauen. Die eigentliche Erkundung musste bis morgen warten, dessen war er sich bewusst. Gierig setzte er die Wasserflasche an seine Lippen und trank den Rest in einem Zug leer. Welche Knochenarbeit mussten sich Höhlenforscher machen. Ein harter, gefährlicher Job.

Mit den geübten Händen eines Autoschlossers setzte er den Generator wieder zusammen. Nach wenigen Versuchen sprang der Motor an, und Jonas erschrak heftig. Es schallte so laut, dass er dachte, das Geräusch wäre noch bis ins Dorf zu hören. Gleich darauf wurde ihm jedoch klar, dass das nicht der Fall sein konnte. Er atmete tief durch. Mit einem Seil befestigte er eine der mitgebrachten Lampen an einem Kalkgebilde und verband sie mit dem Stromerzeuger. Wieder warf er den Motor an. Nun endlich hatte er richtiges Licht. Er sah sich um. An vielen Stellen glitzerten die Decken und Wände und zeigten erst jetzt die ganze Schönheit der Höhle. Eine Zeit lang ließ er die Eindrücke auf sich wirken, bevor er begann, die übrigen Gerätschaften zu sortieren und ein Stromkabel bis zu der Tür zu verlegen. Dort stellte er einen Verteiler auf, an welchem er ein Verlängerungskabel anbringen wollte.

Die Felsentür verharrte noch in der gleichen Position wie vorher. Nichts hatte sich verändert. Sollte er schonmal einen ersten Abstecher in den Tunnel unternehmen? Es reizte ihn sehr. Kurzentschlossen schnappte er sich einen größeren Stein und versperrte damit den Durchgang an der Tür. So war er sicher, dass sie nicht einfach wieder zugehen konnte, während er den Tunnel inspizierte. Er griff sich eine Handlampe, ein Verlängerungskabel und machte sich Licht. Noch einmal musste er durchatmen, bevor der über den Brocken, der jetzt die Tür sperrte, kletterte. Dahinter blieb er stehen und horchte. Doch außer dem Radau des Generators war nichts weiter zu hören. Seine ersten Schritte waren vorsichtig. Jonas hielt die Lampe am ausgestreckten Arm und versuchte, das Ende des Tunnels zu erspähen. Es ging steil abwärts, doch es war nicht glatt. Der Boden war trocken und nahezu staublos. Meter um Meter wickelte sich das Verlängerungskabel ab, bis er das Ende in der Hand hielt. Er hatte jetzt 25 Meter Weg zurückgelegt, doch außer der glatten Wand war nichts zu entdecken. Er schaute sich um. Das Licht der Lampe, die er im Dom montiert hatte, drang durch den Türspalt. Wie weit geht dieser verdammte Tunnel denn noch, dachte Jonas. Kurzentschlossen legte er die Handlampe ab und schaltete seine Taschenlampe ein, bereit weiter zu gehen.

Sein Herz klopfte wieder höher, als er die nächsten Schritte machte. Weiter und weiter ging es abwärts in die Tiefe des Berges. Immer wieder drehte Jonas sich um. Das Licht der am Boden abgelegten Leuchte wurde kleiner und schwächer. Wie weit war er schon gegangen? Er wusste es nicht, doch etwas trieb ihn, weiter zu gehen. Jonas quälte eine Mischung aus Neugierde und Angst. Noch war die Neugierde stärker. Weitere 10 Minuten später meinte er, weit voraus erste Unregelmäßigkeiten an den Wänden entdeckt zu haben. Entschlossen setzte er einen Schritt vor den anderen, immer den Blick nach vorne gerichtet. Es zeigte sich, dass er Recht gehabt hatte. Urplötzlich war der künstlich geschaffene Tunnel zu Ende und eine weitere kleine Höhle lag vor ihm. Er schätzte den Weg, den er zurückgelegt hatte, auf vielleicht 500 Meter. Die Luft roch längst nicht mehr gut hier unten, und es war kalt. Jonas hatte jetzt das Ende der Röhre erreicht und leuchtete in die Höhle. Sie war etwas kleiner und auch nicht so hoch. Ungefähr 10 Meter voraus machte er einen weiteren Spalt aus, versperrt durch ein seltsames Gebilde. Er war nicht erschrocken, erinnerte ihn dieses Etwas doch an seine Schulzeit. Besser, an den Chemieunterricht. Eine im Durchmesser etwa 3 Meter große Plastik einer Molekülkette schwebte vor ihm. Er konnte nicht erkennen, wie dieses Teil befestigt war. Langsam näherte sich Jonas, immer dieses Modell, ein anderes Wort als 'Molekül' fiel ihm nicht ein, im Lichtkegel der Taschenlampe.

Er wusste, es würde draußen schon längst dunkel geworden sein. Doch es interessierte ihn nicht. Jonas versuchte herauszufinden, wie um Himmels Willen dieses Ding am Fels befestigt war. Er hatte das Gefühl, einem billigen Schwebetrick aufgesessen zu sein. Seine Hand fuhr systematisch um die äußeren Punkte des Gebildes, ohne jedoch auf Widerstand zu stoßen. Er leuchtete die Decke der Höhle ab, aber auch hier war keine Befestigung zu erkennen. Mit dem Zeigefinger drückte er leicht auf eine der runden Kugeln, die offensichtlich ein einzelnes Molekül oder Atom darstellen sollten. Sie ließ sich ganz leicht Richtung imaginärem Mittelpunkt der Konstruktion bewegen, ohne dass das gesamte Teil in Bewegung geriet. Es hing wie festgewachsen vor einem Spalt im Gestein und machte es unmöglich, daran vorbeizukommen. Hier ging es also nicht weiter, soviel war sicher.

Er kramte sein Handy aus der Jackentasche und betrachtete das Display. So tief im Berg hatte er natürlich keinen Emfang, aber er wollte auch nur ein paar Fotos von dem Aufbau machen. Das Licht war zwar nicht besonders gut, doch es musste reichen. Ihm war klar, dass er hier der Lösung nicht näher kam. Außerdem befürchtete er, die Batterien seiner Lampe würden bald schlapp machen. Nach drei, vier Bildern machte er sich deshalb auf den Rückweg. Am Eingang der Röhre war das leise Geräusch des Generators zu hören, und er meinte, weit vorne den schwachen Schein der Lampe zu erkennen, die er dort zurückgelassen hatte. Seine Schritte wurden schneller. Das Gefühl, etwas sei hinter ihm, ließ ihn immer größere Schritte machen. Jonas erinnerte sich, dass er als kleiner Junge immer dann diesen Druck im Rücken verspürt hatte, wenn er die Kellertreppe hochgegangen war. Stets hatte er mehrere Stufen auf einmal genommen, um dem Dunklen, Unheimlichen im Keller zu entkommen. Er fröstelte. Stell dich nicht so an, tadelte er sich selbst. Hier unten ist nichts und niemand. An seinem Tempo änderten solche Gedanken jedoch nichts. In Windeseile hatte er die Handlampe erreicht, die am Ende des Verlängerungskabels auf dem Boden lag. Er ließ sie liegen und rannte zur Tür. Nichts hatte sich geändert. Seine Sicherheitsvorkehrungen waren also nicht nötig gewesen.

Wenige Minuten später atmete er wieder frische Luft. Es war längst dunkel. Der wolkenlose Himmel ließ einen Blick auf die Sterne zu. Seid ihr von dort oben gekommen? Welche Erklärung konnte es nur für seine Entdeckungen geben? Jonas gab seinen Gedanken eine andere Richtung. Er würde sonst verrückt werden. Alle seine Utensilien ließ er im Berg. Er würde sie dort wieder brauchen. Nur seine Taschenlampe und den Rucksack hatte er mitgenommen. Jonas tarnte den Eingang zur Höhle erneut mit dem Busch und kletterte vorsichtig wieder die Felsen herunter. Im Dunkeln war das nicht so einfach, doch es gelang ihm ganz gut. Auf dem kurzen Fußweg nach Hause musste er immer wieder zum Firmament schauen. Er wurde den Gedanken einfach nicht los, dass seine Entdeckung mit Wesen zu tun hatte, die von irgendwo aus dem All gekommen waren. Nur konnte er selbst nicht an diese Hypothese glauben. Sie klang einfach zu verrückt.

Den Rest des Abends verbrachte er bei einigen Gläsern Bier am Computer. Jonas suchte nach Erklärungen. Über einschlägige Internetseiten las er von der Frühgeschichte der Erde und vor allem über die seiner Region. Die Gegend war vulkanischen Ursprungs. Experten meinten, dass sogar heute noch mit Vulkanausbrüchen und Erdbeben zu rechnen sei. Wenn man erdgeschichtlich noch weiter zurückging, befand sich an der Stelle seines Schreibtisches ein flaches Urmeer, wenige hundert Meter tief. Alles deutete darauf hin, dass das, was er heute gefunden hatte, nicht allzu lange dort unentdeckt gelegen hatte. Die Erde musste schon halbwegs zur Ruhe gekommen sein. Damit war er wieder in der Steinzeit angelangt. Zu dieser Periode waren die Menschen noch nicht in der Lage, bewegliche Türen aus Fels zu konstruieren. Geschweige denn das seltsame Gebilde in der hinteren Höhle. Mit seiner Logik kam er aber nicht weiter. Im Gegenteil, je intensiver er versuchte, mit Verstand an seine Entdeckung heranzugehen, umso verwirrter wurde er. Da half ihm auch das viele Bier nicht.

Um Mitternacht herum schmerzten bereits die Augen und bleierne Müdigkeit überfiel ihn. Zeit für's Bett. Selbst die Dusche umging er mit Leichtigkeit, schaffte es gerade noch, sich seiner Kleidung zu entledigen. Rasch schlief er ein. Jonas träumte viel, meist wirres Zeug. Gegen vier Uhr morgens wachte er auf und musste seinem Bierkonsum Tribut zollen. Kopfschmerzen machten sich breit, sein Schädel schien förmlich zu platzen. Er schleppte sich auf die Toilette und nahm danach eine Tablette. Nur dem Umstand, dass er noch nicht richtig wach war verdankte er es, dass seine Gedanken sich nicht schon wieder mit dem vorangegangenen Tag beschäftigten. Zurück im Schlafzimmer stand er noch einen Moment am Fenster. Der Himmel war beinahe wolkenlos, und der Mond warf ein fahles Licht auf die Wiesen vor seinem Haus. Es stand am Dorfrand und am Tag konnte man den Weg bis zum Steinbruch von hier aus einsehen. Mit einem Seufzer ließ er sich wieder ins Bett fallen und schlief kurz danach den Schlaf des Gerechten.

5

Gegen 9 Uhr wachte er erneut auf. Seine Kopfschmerzen waren immer noch nicht weg. Er fühlte sich, wie nach einer durchzechten Nacht. Die Sonne blendete ihn, und er drehte sich stöhnend auf die Seite. Es war Sonntag. Kein Mensch würde etwas von ihm wollen. Also sprach nichts dagegen, faul im Bett liegen zu bleiben. Da das Denken Jonas noch schwer fiel, entschloss er sich kurzerhand, es bleiben zu lassen. Doch nachdem er seine Augen gerade wieder geschlossen hatte, sah er die Vier-Finger-Hand vor sich. Spürte, wie der leichte Druck gegen die Steintür diese zurückweichen ließ, und schon war er hellwach.

Er rollte sich stöhnend aus dem Bett. Jetzt erst einmal einen Kaffee und eine Zigarette. Seine Raucherei konnte er einfach nicht bleiben lassen. Ein Punkt, der immer wieder zu Diskussionen mit seiner Schwester führte. Beim Gang in die Küche schweifte sein Blick über ein Regal, auf dem sich so allerhand Steinzeugs im Laufe der Zeit angesammelt hatte. Im Gegensatz zu den Schmuckstücken in den Vitrinen im Wohnzimmer lagerten hier noch unsortierte Fossilien. Die Handgriffe, mit denen er seine Kaffeemaschine malträtierte, erledigte er automatisch. Er hatte eine Höhle entdeckt, soviel war schon mal sicher. Und eine schöne, große dazu. Es würde nicht nur in der Eifel für allerlei Wirbel sorgen, wenn er seine Entdeckung preisgab. Doch daran war erst einmal nicht zu denken.

Er wollte, nein er musste sich über den anderen Fund klar werden. Der war nicht natürlichen Ursprungs. Er nahm als sicher an, dass die Dinge in der Höhle von intelligenten Menschen geschaffen worden waren. Von Menschen, die vor Jahrzehntausenden schon über phantastische technische Kenntnisse verfügten. Doch das war eben der Knackpunkt. Die Kulturen in der Zeit vor vielleicht 30000 Jahren wären niemals dazu fähig gewesen. Die Erde war mit Sicherheit noch eine Scheibe, und an ihrem Rand viel man herunter ins Nichts. Nein, nein und nochmals nein. Alles in ihm sträubte sich vor der logischen Schlussfolgerung. Wenn Menschen dies alles nicht zuwege gebracht hatten, weil sie es nicht konnten, wer dann?

Die Kaffeemaschine erzeugte unanständige Geräusche und die Küche war erfüllt von dem süchtigmachendem Duft frisch gebrühten Kaffees. Jonas nestelte eine Zigarette aus der Packung und verschaffte dem Feuerzeug einen Minijob. Tief sog er den blauen Qualm in seine Lungen. Sein Blick fiel auf das Handy, mit welchem er in der Höhle ein paar Bilder von dem seltsamen, in der Luft schwebenden Objekt gemacht hatte. Er griff sich ein Blatt Papier und etwas zum Schreiben und zeichnete eine Skizze von einem gespeicherten Foto ab. Es sah eindeutig wie ein Molekül aus. Nur irgendwie unfertig. Auch die Recherchen vom gestrigen Abend im Internet hatten ihn der Lösung keinen Schritt näher gebracht.

Endlich war der Kaffee fertig. Er goss sich eine Tasse von dem heißen, schwarzen Gebräu ein und nippte daran. Jonas trank ihn ohne Milch und Zucker. Die Vorteile lagen auf der Hand. Zum Einen wurde behauptet, schwarzer Kaffee macht schöner. Zum Anderen war es einfach bequemer. Was die Zigarette noch nicht ganz geschafft hatte, erledigte jetzt der Kaffee. Er war wach. Jonas beschloss, gleich nach dem Duschen der Höhle wieder einen Besuch abzustatten. Möglicherweise hatte er was übersehen. Außerdem drängte es ihn zu erfahren, ob noch alles so war, wie er es gestern zurückgelassen hatte. Die Angst, seine Entdeckung wäre kein Geheimnis mehr, ließ ihn den Kaffee hinunterstürzen. Fast verbrannte er sich dabei die Zunge.

Die Dusche tat gut und bald hatte er frische Sachen an. Längst war er in Gedanken wieder im Berg. So verschwendete er keine Minute ans Frühstück und kaum zehn Minuten später war auch schon der Eingang in den Fels erreicht. In der Linken einen Kanister Benzin, in der Rechten seine Stablampe mit frischen Batterien. Der Strauch, den er zum Tarnen des Einganges benutzt hatte, lag noch an seinem Platz, was ihn etwas beruhigte. Er schob ihn etwas beiseite und zwängte sich wieder in den Spalt. Diesmal erreichte er die große Höhle viel schneller als gestern, kannte er doch schon die Tücken des Berges. Sehr genau inspizierte er jetzt jede Ritze im Fels, aber er entdeckte nichts Neues. Also füllte er den Tank des Stromgenerators mit dem Inhalt des Kanisters und sorgte für Licht. Auch diesmal erschrak er, wenn auch nicht mehr so heftig, über das Geräusch des kleinen Benzinmotors. Er flüchtete regelrecht vor dem Krach, indem er sich an der Tür mit der viergliedrigen Hand vorbei in den Tunnel rettete. Hier war es schon bedeutend leiser. Vor ihm lag wieder ein Weg von vielleicht 500 Metern bis zum Erreichen der nächsten Höhle, den er mit schnellen Schritten überwandt.

Nun musste seine Taschenlampe wieder reichen. Das Gebilde, welches wie ein Molekül aussah, schwebte noch immer frei im Raum und versperrte einen Spalt, der tiefer in den Berg führte. Jonas ging geradewegs darauf zu. Vielleicht ließ es sich ja einfach zur Seite schieben. Er stemmte sich mit seinem ganzen Gewicht dagegen, vergebens. Auch mit roher Gewalt wich es keinen Milimeter von seinem Platz. Einzig ein paar lose Teile konnte er innerhalb eines bestimmten Bereiches versetzen. Es waren kleine Stücke, die dem 'Molekül' diesen unfertigen Zustand gaben. Nach einiger Zeit gab er schließlich auf. Wie auch am Tag zuvor war hier kein Weiterkommen. Er könnte es vielleicht mit einer Brechstange oder ähnlichem versuchen. Aber bevor er das Ding dadurch zerstören würde, wollte er nochmal darüber nachdenken. Es musste schließlich irgendeinen Sinn haben, dass das Molekül vor dem Eingang hing.

Er leuchtete in den Spalt hinein, doch ein Knick in ca. 3 Metern Entfernung verhinderte, dass er sehen konnte, was dahinter lag. Frustriert gab er schließlich auf und machte sich auf den Heimweg. Wieder ließ er alle Gerätschaften in der Höhle, tarnte den Eingang und war bald zu Hause. Bevor das Rätsel nicht gelöst war, so schien ihm, kam er keinen Schritt weiter. Sein Magen meldete endlich Ansprüche an, und so machte er sich ein kräftiges Frühstück. Vier Eier veränderten ihren Aggregatzustand in der Pfanne, während er seine Gedanken nicht von der Höhle lösen konnte. Wenn es noch einen anderen Eingang gab, könnte die Technik im Berg sehr wohl aus der heutigen Zeit stammen. Zwar hatte er nicht die blasseste Ahnung, ob man heute schon den Gesetzen der Schwerkraft trotzen kann, aber es wäre zumindest der Versuch einer Erklärung. Allein, ein anderer Zugang zum Höhlensystem war nicht zu entdecken gewesen.

Der 'Stramme Max' tat gut und er lenkte seine Gedanken auf andere Dinge. Jonas versuchte es zumindest. An diesem Abend trafen sie sich wie jeden Sonntag zum Skat in der Dorfkneipe. Das würde ihn ablenken. Seine beiden Kumpel Erich und Willi waren dazu bestens geeignet. Flache Witze und sinnfreie Dialoge würden die Stunden verfliegen lassen. Wie immer. Nur mit mittelmäßigen Skatspielerqualitäten ausgestattet, kam es ihm mehr auf die Gesellschaft an, als auf das eigentliche Spiel. Es hätte auch Halma oder Bowling sein können. Man erzählte sich den neuesten Tratsch aus dem Dorf, fachsimpelte über Schiedsrichterentscheidungen der letzten Bundesligaspiele und hatte natürlich auch bessere politische Lösungen parat wie die Damen und Herren in Berlin. Wirklich spät wurde es selten, schon weil am nächsten Tag wieder gearbeitet werden musste.

Während er frühstückte, zeichnete er gedankenverloren eines der Fotos, das er mit seinem Handy geschossen hatte, auf ein Blatt Papier. Sofort war es vorbei mit der Ablenkung. 'Ich muss herausfinden, was das ist', murmelte er. 'Ich werd' sonst noch wahnsinnig'. Alles, was er bisher im Internet gefunden hatte, waren Abbildungen von bestimmten chemischen Verbindungen, die diesem Foto ähnelten. Diese Bilder bestätigten Jonas in der Annahme, das Ding in der Höhle zeige eine Molekülkette. Es war zum verrückt werden. Wenn er sich in eine Aufgabe verbissen hatte, musste er sie auch zu Ende bringen. Und hier kam er einfach nicht weiter.

Sein Frühstück war inzwischen den Weg alles Irdischen gegangen und er schenkte sich noch eine Tasse Kaffee ein. Sein Quantum für den Tag war damit mehr als gedeckt. Mit der Tasse in der Hand setzte er sich vor seinen Computer und recherchierte erneut mit Begriffen wie 'Molekül', 'Molekülkette' und anderen. Wieder ohne nennenswertes Ergebnis. Es war zum verweifeln. Die Bilder wiesen lediglich eine gewisse Ähnlichkeit auf mit dem, was in der Höhle schwebte. Es war wie ein Puzzle, wo der letzte Stein fehlte. Schließlich gab er auf und las noch ein paar Berichte über Höhlenforschung. Jonas konnte sich danach sehr gut vorstellen, wie schwierig die Arbeit dieser – wie hier zu lesen stand – Speläologen war. Sie mussten oft in verschiedenen Fachgebieten zu Hause sein. Meistens waren es Geologen, die aber auch Kenntnisse in Hydrologie, Archäologie und Paläontologie besaßen. Ein faszinierender Beruf, wie er fand. Er selbst hatte schon einige Höhlen, vornehmlich in Südfrankreich besucht. Sie waren im Vergleich zu der von ihm entdeckten Höhle riesig. Am besten in Erinnerung war ihm die Grotte de Clamouse, sowie die Grotte de demoiselles geblieben.

Den Rest des Sonntages verbrachte er mehr oder weniger faul vor dem Fernseher. Es schien Jonas die beste Möglichkeit zu sein, an nichts denken zu müssen. Das Mittagessen zwischendurch bestand demnach aus einer Packung für die Mikrowelle. Lust zum kochen verspürte er heute nicht. Zum Glück wurde er auch den ganzen Tag nicht durch das Telefon gestört, was weiss Gott keine Selbstverständlichkeit war. Häufig musste er mit seinem Abschleppwagen Fahrzeuge auf der nahen Bundesstraße bergen. Irgendwann war es dann an der Zeit, sich ausgehfertig zu machen. Da er nicht vorhatte, eine der Dorfschönheiten zu verführen, brauchte er nicht allzu lange dafür.

In der Kneipe war alles wie immer. Die üblichen Verdächtigen saßen an der Theke und würdigten Jonas nur eines kurzen Blickes und eines Hallo. Dann waren sie bereits wieder in philosophische Betrachtungen über Fußball und Frauen vertieft. Willi und Erich erwarteten ihn bereits. Mit einem Schulterklopfen wurde er aufgefordert, sich zu setzen. Mit dem Zeigefinger der ausgestreckten Hand bestellte sich Jonas ein Bier und schon wurden die Karten gemischt. „Na Junge, alles frisch?“ Erich schien bestens gelaunt zu sein. Er grinste Jonas dabei breit an, er hätte in dem Moment Spargel quer essen können. Dieser nickte: „Klar, hab' heute 'nen Faulen gemacht“. „Haste schon gehört? Elfriede hat 'nen neuen Freund“. Mit bedeutungsvoller Miene zeigte Willi auf die Bedienung am Tresen. „Ach nee, schon wieder?“ Jonas musste lachen. Elfriede war so etwas wie die Dorfmatratze. Wurde zumindest gemunkelt. Entsprechend war ihr Ruf. Sie war vielleicht Mitte 30 und recht hübsch. Alle Männer, auch die verheirateten eingeschlossen, würden mal gerne, wenn sie denn gedurft hätten. Diejenigen, die dieses zweifelhafte Glück schon auf der Habenseite verbuchen konnten, redeten allerdings en Detail darüber. Nicht unbedingt förderlich für ein bürgerliches Image.

„Wer ist denn diesmal der Auserwählte?“ Erich spöttelte: „Weiß es seine Frau schon?“ Alle lachten. Runde um Runde wurde gespielt und Jonas war erstaunlicherweise voll bei der Sache. Er verschwendete keinen Gedanken an die Erlebnisse der letzten beiden Tage. Die Zeit verflog, und so mancher teils derbe Witz wurde zum Besten gegeben. Niemand von den Dreien war ein wirklich begnadeter Skatspieler, und so hatten am Ende alle ungefähr gleich oft gewonnen. Sie spielten stets um Runden. Jonas warf einen Blick auf seinen Bierdeckel und schnaufte zufrieden. Fünf Striche auf dem Deckel standen für fünf Bier. Das war ok. „So Kinder, lasst uns Schluss machen. Muss Morgen wieder früh raus“. Mit diesen Worten zückte er sein Portemmonaie aus der Gesäßtasche seiner Hose. Dabei fiel ein Zettel auf den Boden, nach dem Erich sich sofort bückte. „Was haste denn da gekritzelt?“ Wunderte der sich. Bevor Jonas ihm noch die Zeichnung, die er am Vormittag gemacht hatte, aus der Hand reißen konnte, warf Willi einen Blick darauf und meinte: „Bist du jetzt unter die Chemiker gegangen?“ Er lachte. „Wenn das Luft sein soll, musst du aber noch etwas üben.“ Er schnappte sich die Zeichnung und kritzelte mit seinem Kugelschreiber darauf rum. „Das üben wir noch, gelle?“ Mit diesen Worten und einem schiefen Grinsen gab er das Papier an Jonas zurück. „Du weißt doch, wenn ich telefoniere, muss ich immer was malen“, stotterte der nur. Mit einer schnellen Bewegung verschwand die Zeichnung wieder in der Tasche, ohne das er noch einmal einen Blick darauf geworfen hatte.

Rasch wurde bezahlt, die Gläser geleert und sich verabschiedet. Mit einem Gruß Richtung Tresen gingen alle drei gemeinsam hinaus. Draußen trennten sich die Wege und plötzlich hatte Jonas es eilig, nach Hause zu kommen. Es war zu dunkel, um sich die Korrekturen, die Willi an der Zeichnung gemacht hatte, noch einmal anzusehen. Die Haustür hatte sich hinter ihm noch nicht ganz geschlossen, da fischte er den Zettel wieder aus der Tasche. Willis Änderungen waren nur marginaler Natur. Eine Verbindung hier und eine andere dort. Fertig. Zusätzlich waren noch Buchstaben vermerkt. Als Chemiker in einem großen Werk am Rhein war das für ihn eine Kleinigkeit gewesen. Jonas schaltete den Computer ein und wartete ungeduldig, bis er ins Internet kommen konnte. In einem großen Online-Lexikon fand er schließlich, wonach er suchte. Hier waren alle Bestandteile der Luft bis ins Detail beschrieben. Er verglich die dazugehörende Grafik mit seiner Zeichnung.

Allmählich wurde ihm klar, was er da entdeckt hatte. Das Ding in der Höhle zeigte bis auf die letzten Kleinigkeit ein Luftmolekül. Die kurzen, wie abgetrennt wirkenden Stücke waren demnach Sauerstoff - O2. Er fand Stickstoff, Argon und diverse andere Gase wie z. B. Neon, Helium, Methan oder Kohlenstoffdioxid. 'Jetzt wird ein Schuh draus. Endlich!' Dachte er nur. Das Gebilde in der Höhle war demnach kaputt. Man müsste nur versuchen, die Verbindungen wieder zu reparieren. Eine ganze Weile saß Jonas noch vor dem PC, bevor er beschloss, den Tag enden zu lassen. Doch schon auf dem Weg zum Schlafzimmer wurde ihm bewusst, dass er erst am nächsten Abend wieder die Höhle besuchen konnte. Er musste schließlich arbeiten. Solange hielt er es mit Sicherheit nicht aus. Kurzentschlossen sprang er in eine Arbeitskombi, schnappte sich die Taschenlampe und ein paar andere Kleinigkeiten und war schon unterwegs. Die Uhr zeigte schon 11. Eigentlich für ihn Zeit, ins Bett zu gehen. Schon lange war Jonas aus dem Alter raus, wo man noch die Nacht zum Tag gemacht hatte. Aber heute musste eine Ausnahme gemacht werden. Der Himmel war sternenklar und er fröstelte leicht. Er kletterte über den Zaun und machte sich an den Aufstieg. Gelegentlich musste er dabei seine Taschenlampe zu Hilfe nehmen, sonst wäre er Gefahr gelaufen, abzustürzen.

6

Ohne den Generator in Gang zu setzen überwand er in kürzester Zeit die Strecke bis zur zweiten Grotte. Nichts hatte sich verändert. Vor dem Gebilde angelangt, nestelte er die Zeichnung aus der Tasche und verglich diese mit dem als Sauerstoffmolekül identifizierten Objekt. Er nahm sich eines der kurzen, abgebrochenen Stücke und führte es an die Stelle, an der es laut Zeichnung sitzen müsste. Wie magnetisch, blieb es sofort haften. Jonas erschrak zunächst, doch gleich danach machte sich Erleichterung breit. Er war offensichtlich auf dem richtigen Weg. Mit dem nächsten Teilstück verfuhr er ebenso und seine Aufregung wuchs und wuchs. 'Willi, ich bin dir zu ewigem Dank verpflichtet', dachte er. Jetzt noch das letzte Teil an den angestammten Platz setzen, und das Werk war vollendet. Augenblicklich bewegte sich das Gebilde und machte den Durchgang frei. Gleichzeitig begann die Höhle in einem diffusen Blau zu leuchten. Nicht stark, aber hell genug, so dass er die Lampe ausschalten konnte.

Er stand wie vom Donner gerührt. 'Das ist ein Schlüssel. Ein Türschlüssel', durchfuhr es ihn. Den Atem anhaltend horchte er in die Höhle hinein. Nichts. Ganz langsam sackte er seitlich an der Felswand herab, bis er die Hocke erreicht hatte. In dieser Position verharrte er. Er hörte seinen Atem und die gelegentlich herabfallenden Wassertropfen. Andere Geräusche waren nicht zu vernehmen. Mit großer Mühe kämpfte er gegen die aufkommende Angst an. Die Angst, etwas oder jemand könnte durch den geöffneten Durchgang kommen und ihn verschlingen. Horrorszenen aus Kinofilmen jagten durch seinen Kopf, und immer wieder betete er sich vor: 'Für alles gibt es natürliche Erklärungen. Komm wieder runter'. Sein Blick klebte an der Spalte im Fels, die jetzt zugänglich geworden war. Das Blut rauschte in seinem Schädel und sein Herz klopfte wie wild in seinem Hals. Die Sprunghaftigkeit seiner Gedanken war kaum zu beherrschen. Jonas bemerkte, wie seine Beine langsam einschliefen. Er gab seine hockende Stellung wie in Zeitlupe auf und streckte seine Beine aus. So war es besser. Alle möglichen und unmöglichen Gedanken zuckten wie Blitze durch seinen Kopf. 'Ich bin im falschen Film, soviel steht mal fest'.

Unendlich viel später hatte Jonas sich wieder einigermaßen im Griff. Es waren keine grünen Männchen durch die Spalte gekommen. Auch die Ungeheuer waren ausgeblieben. Sein Puls war halbwegs auf Normalmaß gesunken, und er war jetzt in der Lage, seinen Gedanken eine Richtung zu geben: 'Das ist irre. Niemand nimmt mir das ab. Wenn ich das in meinem Klub erzähle, ernte ich nur Gelächter'. Jonas war kein besonders gläubiger Mensch und darum fest davon überzeugt, dass jedes Phänomen physikalischen Gesetzen folgte. Hier musste es wohl lediglich so sein, dass es nach heutigen wissenschaftlichen Erkenntnissen noch nicht erklärbar war. Das wiederum brachte den nächsten Gedanken auf den Plan. 'Wer hat so etwas dann fertiggebracht, wenn nicht der Mensch von heute?' Ein Schauer jagte seinen Rücken hinunter. Für einen kurzen Moment dachte er an Alien, an Wesen aus dem All. Dann verwarf er den Gedanken wieder. Das konnte nicht sein. Vor kurzem erst war ein Planet entdeckt worden, ca. 20 Lichtjahre von der Erde entfernt, der die Vorraussetzungen für Leben, wie wir es kennen, erfüllen würde. 20 Lichtjahre. Mit unseren technischen Mitteln würde eine Reise dorthin viele hundert Jahre dauern. Also, alles Quatsch. Und doch, die Erde war vielleicht dreieinhalb Milliarden Jahre alt. Der Mensch von heute erst wenige zehntausend Jahre. Viele Sonnensysteme waren bedeutend älter als das unsrige. Durchaus möglich, dass sich dort schon viel früher intelligentes Leben entwickelt hatte. Diese Wesen könnten also technisch viel weiter sein, wie wir jetzt hier.

Bei diesen Überlegungen angekommen, gab Jonas sich einen Ruck. Er konnte nicht ewig hier auf dem kalten Fels sitzen. Es musste etwas passieren, eine Entscheidung gefällt werden. Warum sollte er nicht einen vorsichtigen Blick um die Ecke riskieren? Er bemühte sich stöhnend aufzustehen. Seine Knie taten weh. 'Ich werde alt', flüsterte er in sich hinein. Seine rechte Hand krampfte sich um die Taschenlampe, als er zögernd die ersten Schritte in den Felsdurchgang machte. Er ließ sie ausgeschaltet, aber als Waffe könnte sie ihm noch dienen. Er lauschte auf seine eigenen Schritte, welche ihm viel zu laut vorkamen. Kurz hielt Jonas inne, aber alles blieb still. Zwei Schritte weiter hatte er die Ecke erreicht und spähte vorsichtig um sie herum. Von seiner Position aus konnte er erkennen, dass sich vielleicht fünf Meter weiter der Durchgang zu einer nächsten Höhle erweiterte. Und dort stand es. Er konnte es von hier aus sehen.

Auf den ersten Blick sah das Ding, welches mittig den halben Raum ausfüllte aus wie ein übergroßer Gastank. Das blaue Licht ließ bizarre Elemente erkennen, die wie die Stacheln einer Kaktee an vielen Stellen aus dem zylinderfömigen Etwas herauswuchsen. Jonas wagte einen weiteren Schritt, dann noch einen. Dabei wanderten seine Augen wie die Objektive von Überwachungskameras ständig hin und her, auf und ab, durchmaßen die Höhle, welche jetzt zur Gänze in seinem Blickfeld war. Er tastete sich weiter vor. Das Ding in der Mitte war vielleicht zehn Meter lang und ruhte auf sechs kurzen Stützen. Außer diesem Gerät war nichts weiter auszumachen. Dieser Teil der Höhle schien ebenso künstlich geschaffen, wie der lange Tunnel. Glatte, trockene Wände, halbkugelförmig wie eine übergroße Luftblase.

Es waren nur noch wenige Schritte, die Jonas jetzt beherzt unter seine Füße nahm. Zielstrebig wandte er sich einer abgeflachten Stelle an dem ansonsten tankförmigen Ding zu. Wenn er es nicht besser gewusst hätte, er würde darin ein Schaltpult vermuten. Zwar waren keine Knöpfe oder Anzeigegeräte zu erkennen, doch die Oberflächenbeschaffenheit der ca. 1 Meter großen Tafel ließen in ihm diese Assoziation aufkommen. Immer wieder blickte er sich dabei um. Er hatte dieses nur allzu bekannte Gefühl im Nacken, das er so garnicht mochte. Das Gefühl, jemand würde von hinten auf ihn zugehen und ihn berühren. Endlich angekommen, hielt er den Atem an und horchte. Es blieb still. Selbst die Geräusche der Wassertropfen waren hier nicht mehr zu vernehmen.

Seine Augen inspizierten den 'Tank'. Die Auswüchse, die von weitem wie Kakteenstachel gewirkt hatten, entpuppten sich als ungefähr fünfzig Zentimeter lange Röhren, deren Enden kugelförmig waren. Diese Kugeln schienen ein eigenes Licht auszustrahlen. Jonas meinte, ein schwaches Violett zu erkennen. Der Rest des Gerätes wirkte matt und glanzlos. Von der Farbe her wie Titan. Jetzt sah er die Hand und erschrak. Diese viergliedrige Hand, die die Felsentür auf leichten Druck hin geöffnet hatte. Alles in ihm warnte ihn, hier das Gleiche zu versuchen. Aber wie hypnotisiert bewegte er seine Linke darauf zu. Sie zitterte heftig. Jonas hatte größte Mühe, genau zu treffen. Und dann presste er seine Finger in die Plastik. Ein kurzer, kreischender Laut ließ sein Herz stillstehen. Er zuckte wie elektrisiert zurück. Und die Maschine begann leise zu summen.

7

Kapitän Heinz Weber war gut gelaunt. Eben hatte er seinen Fracht-Jumbo am Flughafen angemeldet. Jeden zweiten Tag flog er aus Südafrika kommend Köln-Bonn an, seine Maschine mit Schnittblumen beladen. Es war die letzte Tour vor seinem Urlaub. Endlich mal nicht in die weite Welt. Er hatte seiner Frau unter Protest der Kinder versprochen, 14 Tage auf Sylt zu verbringen. Sein Copilot Klaus Renz bereitete schon alles auf den bald folgenden Landeanflug vor. Eben schwenkten sie über der Eifel ihre Maschine ein, da passierte es. Sämtliche elektronischen Instrumente spielten plötzlich verrückt oder waren gänzlich ausgefallen. In Ihren Kopfhörern erklang ein Signal, das man normalerweise nur zu hören bekam, wenn man ohne Fahrwerk zu niedrig flog. „Verdammt, was ist denn jetzt los“, fluchte Weber. Danach war er gleich wieder ganz Profi. Solche Szenarien wurden im Simulator schließlich oft geprobt. Renz ließ einen Notruf raus, während er gleichzeitig nach der Checkliste griff. In seinem Kopfhörer knackte und rauschte es. Mehr nicht. Keine Antwort. Also widerholte er seinen Hilferuf und ergänzte ihn mit der letzten bekannten Positionsangabe. Alle Displays flackerten, und es gab keine Warnleuchte, die nicht brannte. Lediglich der barometrische Höhenmesser, sowie alle nicht-elektronischen Instrumente schienen ok zu sein.

„Wir fliegen jetzt mit dem Hintern Junge“. Weber verzog den Mund zu einem Grinsen. Der mit Junge titulierte setzte weiter Notrufe ab. „Höhe und Fluglage sind noch in Ordnung. Zur Not bringen wir die Kiste auch von Hand runter“, versuchte Weber den Jüngeren zu beruhigen. Eine ähnliche Situation war ihm schon mal vor Jahren bei einem Gewitter passiert. Nicht weiter tragisch. Ein Blick nach rechts in das Gesicht seines Kollegen zeigte Weber, dass dem offensichtlich die Nerven einen Streich spielten. Schweißperlen auf der Stirn waren kein beruhigendes Signal. Doch so plötzlich, wie der Spuk aufgetreten war, verschwand er auch wieder. Der Warnleuchten-Christbaum erlosch und endlich gab auch das nervende Geräusch im Headset Ruhe. „Jetzt brat mir doch einer 'nen Storch“. Das war alles, was Renz hervorpressen konnte. Doch Zeit zum Nachdenken hatte er nicht. Cologne-Ground meldete sich. Weber machte währenddessen seine Checks.

„LH539, LH539 von Köln-Bonn Tower. Wir haben Probleme mit dem Radar. Bitte ändern sie ihren Kurs zum Endanflug auf Düsseldorf International. Ich wiederhole, Köln-Bonn ist zur Zeit gesperrt. Gehen Sie in den Anflug auf Düsseldorf International. Sie haben Wind aus 286° mit 3, Visibility 4. „Auch das noch“, stöhnte Weber. Alles schien doch wieder paletti zu sein. Und jetzt diese Umleitung. So presste er nur ein „verstanden Köln-Bonn“ heraus und wechselte auf die Frequenz von Düsseldorf.

Herta konnte mal wieder nicht schlafen. Ein Glas Milch vor sich auf dem Wohnzimmertisch, schaute sie einen der vielen Verkaufskanäle im Fernsehen an. Das machte sie auch tagsüber gerne. Schon manches hatte sie dort erworben. Ein Telefonanruf genügte schließlich. Es war wie eine Sucht. Sie beruhigte ihr Gewissen immer mit der Begründung, dass sie durch ihre Hüftprobleme nicht oft draußen einkaufen konnte. Die sechzigjährige Witwe lebte in dem Haus, dass sie in jungen Jahren mit ihrem Mann gebaut hatte am Rande der Kreisstadt. Ihre Kinder und Enkel besuchten sie nur selten. Zu ihrem Geburtstag, zu Weihnachten und vielleicht noch zu Ostern war ihr Haus voll. Den Rest des Jahres verbrachte sie mit ihrem Kater und dem Kanarienvogel in trauter Dreisamkeit.

Bisher wurde Schmuck wie Sauerbier auf dem Sender angeboten. Das war nicht so interessant. Es sprengte einfach ihr Budget. Doch gleich würde die Küchenmaschine kommen. Da wollte sie zugreifen. Eine sinnvolle Anschaffung, auch weil ihre alte ab und zu streikte. Zu diesem Zweck thronte ihr Telefon in Reichweite neben dem Glas Milch. Doch was war jetzt los? Das Verkaufsgenie verwandelte sich plötzlich in Schneetreiben und seine Stimme war nur noch Rauschen. Mühsam quälte sie sich aus dem Sessel und gab dem Gerät ein paar freundliche Schläge, ohne dabei die Blumenvase zu treffen, die sie auf dem Fernseher positioniert hatte. Doch es half nichts. So sehr sie dem Teil auch mit der flachen Hand gut zuredete, der Moderator der Sendung blieb in gekörntem Weiß verschwunden. Als sie schließlich aufgab und nach der Fernbedienung griff, kamen Bild und Ton wieder. Die Lobeshymnen auf den Alleskönner in der Küche liefen schon auf Hochtouren. Sie bekam gerade noch mit, dass nur noch 32 Geräte verfügbar wären. Es wurde Zeit, zu bestellen. Sie führte den Hörer ans Ohr und hörte ... nichts. Kein Freizeichen. Noch 28 Maschinen, und das Telefon blieb tot. „Das darf doch nicht wahr sein“, sagte sie zu sich selbst. Immer wieder legte sie den Hörer zurück auf die Gabel, doch das ersehnte Signal kam nicht. In dem Moment, als die letzte Küchenwunderwaffe verkauft wurde, war der vertraute Ton im Hörer wieder da.

Die Staus auf der A3 hatten Wilhelm Pagel viel Zeit gekostet. Erst nach Mitternacht war die Innenstadt von Köln erreicht. Schon Stunden vorher hatte er im Hotel angerufen, um seine verspätete Ankunft zu melden. Schließlich musste er sichergehen, dass es einen Nachtportier gab, der ihn noch einlassen würde. Als Handelsvertreter war er viel unterwegs, doch in Köln kannte er sich noch nicht aus. Der Münchner behalf sich in solchen Fällen gerne mit seinem Navigationssystem, welches ihn im Moment durch die Innenstadt lotzte. Nach hundert Metern rechts abbiegen, forderte ihn die Damenstimme gerade auf. Er stellte sie sich immer als vollbusige Schwester von Heidi Klum vor. Das machte die langen Fahrten erträglicher. Weit konnte es nicht mehr sein. Er setzte den Blinker, schwenkte in die Straße ein und wartete auf die nächste Aufforderung von Heidis Schwester. Die blieb allerdings aus. Ein Blick auf das Display verhieß nichts Gutes. Die Dame schien zu Bett gegangen zu sein. Er verlangsamte seine Fahrt, hielt jedoch die Richtung bei. „Sag endlich was“, forderte er. „Hab ich dich jemals schlecht behandelt? Was ist los mit dir?“ Er unterhielt sich häufiger mit der Dame, aber sie pflegte Wilhelm weiter zu siezen. Jetzt endlich wurde die Meldung angezeigt, dass die Route neu berechnet würde. Kaum war das geschehen, fing die Vollbusige auch wieder an zu reden. „Bei nächster Gelegenheit bitte wenden.“ Er hatte es befürchtet.

Die Satellitendaten waren nur noch der reinste Müll. Was da plötzlich an Wetter angesagt wurde, kam einem Naturwunder gleich. Die Computer berechneten für die Kölner Bucht gerade ein Szenario, welches heftige Schneestürme bei Hochdruckwetterlage und 30 Grad Celsius vorhersagten. Johannes Weintraub, der in dieser Nacht das Operating machte, war plötzlich hellwach. „Mann, was ist denn jetzt?“ Sofort begann er, die Systeme zu prüfen. Doch weit kam er nicht, da weder die Maus noch die Tastatur seines Computers reagierten. Als letzte Möglichkeit blieb ihm also nur ein Neustart. Danach rannte er in den klimatisierten Serverraum, vollgestopft mit 19“-Schränken, in welchen die Server, Hubs, Switches, Router und so weiter verstaut waren. Auch hier herrschte Chaos. Die Notstromaggregate verrieten ihm, das kurzzeitig die Stromversorgung unterbrochen gewesen war. Auch das noch, stöhnte er innerlich. Immer trifft es mich. Mit flinken Fingern verrichtete er seine Arbeit, die allerdings nur unzureichend von Erfolg gekrönt war. Johannes fluchte. Es hätte eine ruhige Nacht werden können. Aber nein, nichts dergleichen. Seit dem Auftreten der Störung waren kaum 2 Minuten vergangen, als alle Maschinen plötzlich wieder ihren regulären Dienst verrichteten. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn. Auch die Daten normalisierten sich. Doch halt, so ganz stimmte dies nicht. Unsinnige Werte kamen immer noch rein, doch schien es, als ob das Phantasiewetter sich weiter Richtung Belgien verzogen hätte. Zwischen Malmedy und Lüttich herrschte angeblich Chaos. Alles deutete auf eine Fehlfunktion bei den Meteosat-Satelitten hin. Aber letztlich war das nicht sein Problem. Die Maschinen liefen wieder normal. Sollten sich die Meteorologen am Morgen darum kümmern.

8

Das Signal war zwei Lichtminuten unterwegs, als es in ungefähr 36 Millionen Kilometern Entfernung zur Erde auf das Gorr traf. Dort wurde sofort die Schwerkraftverbindung aktiviert. Das Gorr tat, wozu es einst geschaffen worden war. Als eines von vielen war es eine Relais- und Steuerungsstelle, welches die komplizierten Vorgänge ins Rollen brachte. Ungefähr dreizehn Stunden später stand die Verbindung nach Karr-Tox. Ein jahrtausende altes System begann erneut mit seiner Arbeit. Wie in einem zusammengehörigen Organismus liefen jetzt alle Vorgänge ab. Permanent wurde vom Gorr die Erde gescannt und Messdaten weiter geleitet, auf Karr-Tox analysiert und ein Maßnahmenkatalog zusammengestellt. Gleichzeitig wurde ein weiteres Schwerkraft-Signal von Karr-Tox zum Sonnensystem Karr-Ata auf den Weg gebracht. Es würde einige Tage benötigen, bis es die Wächter erreichte. Solange arbeitete Karr-Tox automatisch und nach uralten Regeln. Nur die Wächter, wie sie sich selbst nannten, konnten in die Vorgänge steuernd eingreifen oder sie gar stoppen.

Das Gorr stand senkrecht über der Äquatorebene der Erde. Der Scanner, mit Hilfe einer Schwerkraft-Technologie etwa 10.000 mal schneller als Licht, brauchte für die Datensammlung einer Fläche von der Größe Europas ungefähr 20 Minuten. Dabei tastete das Signal die Erde und deren Gashülle bis hinauf zur Mesosphäre ab. Ein ungeheures Datenvolumen. Diese Informationen wurden anschließend mit einer zeitlichen Verzögerung von zirka dreizehn Stunden auf Karr-Tox verarbeitet. Das alarmierende Datenmaterial wich deutlich vom letzten Scan ab. Viele Werte waren außerhalb des Toleranzbereiches, den die Wächter als gültig erachteten. In fünf Tagen würde der Vorgang abgeschlossen sein.

Das Netzwerk in unserem Teil des Orion-Armes wurde außer der Reihe wieder aktiviert. Etwas oder jemand hatte die Schaltung von der Erde aus, die Wächter nannten den blauen Planeten K-B277, vorgenommen. Das war überaus bemerkenswert und in den letzten 30.000 Erdenjahren noch nicht vorgekommen. Solange war das Modul schon dort. Möglicherweise ein Hilferuf. Die Intelligenzen auf dem Planeten hatten sich weiter entwickelt, wie vorausgesehen. Die Bedingungen hierzu waren schließlich nahezu perfekt. Auf K-B277 musste etwas Außergewöhnliches geschehen sein.

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