Dada
„Wenn ich nichts erreiche mit meinem Stil, dann mache ich eben in DaDa. Das kann nämlich jeder.“ Ich muss ihm da zustimmen. Immerhin habe ich schon drei Halbe intus, da stimme ich fast zu Allem zu. Horst verliert sich in Erklärungen. Aber was er so von sich gibt, ist nicht übel. Sein Rotweinglas ist schon wieder leer. Mit der erhobenen Hand deutet er der Bedienung an, dass sein Bedarf an verfaulten Trauben noch nicht gedeckt ist.
„DaDa ist genial. Manchmal hör' ich meinem Kleinen zu, wie er versucht, die ersten Worte zu bilden. Klasse. Wenn mir mal wieder nichts einfällt, schreib' ich einfach auf, was so aus dem Laufstall zu hören ist. Hab' damit schon bei diversen Lesungen ungeheuren Erfolg gehabt. Diese DaDa-Gläubigen sind wie die Herde, die hinter Jehova hertrottet. Die schlucken alles mit verzückten Gesichtern.“ Dabei grinst er breit über das ganze Gesicht. Er könnte jetzt Spargel quer essen.
Die Bedienung bringt den geforderten Nachschub und unaufgefordert ein weiteres Bier für mich. Ich beeile mich, den Rest aus dem alten Glas hinunter zu stürzen. Horst hebt wieder an. Er hat sich in Fahrt geredet. „Das Ganze ist eine einzige Verarsche. Hat ja früher mal einen gewissen Sinn gehabt. War ein Protest gegen das Wertesystem der damaligen Gesellschaft, auch der Künstler.“ Ich erinnere mich dunkel. Der Hugo Ball hatte 1915 in Zürich das Cabaret Voltaire gegründet. Ein Topf, indem sich damals viele politische Emigranten, Künstler und Pazifisten ansammelten.
„Ich bin total froh, dass es so viele Idioten gibt, die immer noch dada sind. Auf die Art schaff' ich am Tag locker dreißig Gedichte. Ab und zu schreib' ich auch mal was anderes. Aber immer schön dada.“ Dabei nickt er zufrieden lächelnd mit dem Kopf. Langsam steigen in mir dann doch Zweifel auf. „Ich weiß nicht. Hast Du nicht Angst, dass du am Ende noch an das glaubst, was du da verzapft hast? Ich meine, man muss nur lange und oft genug irgendwas machen oder sagen, dann glaubt man auf einmal selbst dran.“ Er schüttelt den Kopf. „Du müsstest mich gut genug kennen“, fährt er fort. „Ich steh' mit beiden Beinen auf dem Boden. Mein Wertesystem bringt das nicht durcheinander.“
Da muss ich ihm nun wieder recht geben. Doch weiter komme ich nicht mit meinen Gedanken. „Kannst du dich noch an den Sketch mit Hape Kerkeling erinnern? Hurz? Der hat mit DaDa die versammelte Intellektuellen-Elite mit seinem Mist über den Tisch gezogen und lächerlich gemacht.“ Ich muss grinsen, da ich mich nur zu gut erinnere. 'Der Wolf ... das Lamm ... Hurz!' „Wie die anschließend versucht haben, den Text zu interpretieren war einfach köstlich. Ich hab' mich halb tot gelacht.“ Jetzt bin ich es, der seinen Mund in die Breite zieht. „Jep, war eine tolle Vorstellung.“
„Siehst du, und Hape ist bestimmt nicht der Typ, der beginnt, auf einmal an 'Hurz' zu glauben. Aber was ich eben gesagt habe, ist ja gerade der Grund, warum DaDa weiter lebt und Erfolg hat. Niemand lässt sich besser veräppeln als die Intellektuellen. Die kaufen ja auch wandfüllende Bilder, die bis in die letzte Ecke weiß sind. Du musst dem 'Bild' nur einen DaDa-Namen geben, schon ist es Kunst.“ „Stimmt“, lache ich. „Weißer Adler auf weißem Grund.“ „Nee, das ist die ostfriesische Nationalfahne“, kontert er. „Das muss kompliziert klingen, sonst wird das nichts.“
Er nippt gedankenverloren an seinem Wein. „Wie wär's zum Beispiel mit: Das Danach ist die Atombombe der Zeit.“ „Oder so“, erwidere ich.
Die Seiten des Autors Georg Klinkhammer